Rückblick auf den 15.3.2022: Debatten im buchcafé Bad Hersfeld

Veranstaltungsreihe Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

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Jüdische Lebenswelten heute: angekommen, um zu bleiben – Perspektiven auf Alltag, Antisemitismus und die jüdische Vielfalt

Positionen zu Antisemitismus und jüdischem Leben – Ein Abend im buchcafé Bad Hersfeld

„Wir sind hier geboren. Unsere Wurzeln aber sind an vielen Orten – und doch sind wir hier, in Deutschland zuhause!“ – so Orly Gershuny aus Frankfurt. Die junge Frau, in einem jüdischen und auch zionistischen Elternhaus in Frankfurt aufgewachsen, hat sich nach einem Intermezzo in Israel bewusst für ein Leben in Frankfurt und in Deutschland entschieden.

Sie und vier weitere Persönlichkeiten diskutierten am Mittwoch, dem 15. März, vor insgesamt rund 50 Personen – anwesend im buchcafé oder an den Bildschirmen zuhause. Ihre Themen betrafen das jüdische Leben heute: Religion und jüdischer Alltag, Wurzeln und Heimat, aber auch Erfahrungen mit Antisemitismus und wie diesem Phänomen zu entgegnen sei. Mit Orly Gershuny befand sich Alon Meyer auf dem Podium. Meyer ist Präsident des Dachverbandes des Sportvereins „Makkabi Deutschland“. Makkabi ist der Name deutsch-jüdischer Sportvereine – offen für alle Religionen, Herkünfte und jeden und jede, der oder die Sport treiben will – von Fußball bis Schach. Anton Antoniadi, ein junger Rabbinatsstudent, brachte eine weitere Perspektive ein. Ursprünglich aus Alsfeld stammend, befasst er sich in der Jüdischen Gemeinde Offenbach nicht nur mit dem Alltag der Gemeindemitglieder und begleitet sie auch religiös, sondern kümmert sich auch in diesem März 2022 intensiv um die Versorgung jüdischer Flüchtlinge aus der Ukraine. Die Runde wurde komplettiert durch Gerd Ochs, seit 2007 für das Informations- und Kompetenzzentrum Ausstiegshilfen Rechtsextremismus (IKARuS) tätig, und Christian Diegelmann, seit 2019 beim Polizeipräsidium Osthessen als wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Analyse, Prävention und Bewertung politisch motivierter Kriminalität zuständig. Moderatorin Dr. Susanne Urban von der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Hessen (RIAS Hessen) begrüßte nach Anke Hilschert vom buchcafé die Anwesenden. Sie verwies darauf, dass derzeit rund 45 Prozent der Mitglieder der Jüdischen Gemeinden in Deutschland ukrainischer Herkunft seien. Sie bat die Podiumsteilnehmenden zuerst um ein allgemeines Statement aus ihrer persönlichen oder professionellen Perspektive, worauf sich eine lebhafte Diskussion aus unterschiedlichen Perspektiven entfaltete.

Alon Meyer wies darauf hin, dass Demokratie immer wieder neu belebt werden müsse und auf den Anstieg des Antisemitismus viel zu spät reagiert werde. Orly Gershuny berichtete lebhaft von ihrem jüdischen Alltag, erzählte aber auch von Antisemitismus-Erfahrungen als Jugendliche, die sie damals gar nicht an sich herangelassen habe. Gerd Ochs erläuterte, dass er in seiner Arbeit mit Aussteigern aus der rechtsextremen Szene einen erschreckend tiefen Einblick in deren Gedankenwelt bekomme und machte dies an einem Zitat deutlich – wie tief Antisemitismus in all seinen Spielarten in diesen Weltbildern verankert sei. Christoph Diegelmann informierte über die Statistiken zu Antisemitismus in Hessen. Er räumte ein, dass die Dunkelziffer sehr viel höher liege – und dass viele antisemitische Vorfälle gar nicht als strafrechtlich relevant eingestuft werden können. Rabbinatsanwärter Antoniadi ergänzte dies, indem er unterstrich, dass Menschen Fragen stellen sollen über das Judentum und all seine Spielarten, über die jüdische Religion, aber auch den jüdischen Alltag. Er habe selbst auch Antisemitismus erlebt, aber er sei ein positiv gestimmter Mensch und glaube am Ende immer, dass miteinander Sprechen die Menschen weiterbringe.

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Plakat 15.3.2022 Bad Hersfeld

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