„Alltag Antisemitismus: Gegenwärtige Debatten – ein Werkstattgespräch“ mit Dr. Reemko Lemhuis (AJC Berlin), Deborah Hartmann & Lucas Frings (Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz)
Dienstag, 25. Oktober 2022, 10:00 bis 12:30 Uhr (online)
Dr. Remko Leemhuis ist seit September 2019 Director des American Jewish Committe (AJC) Berlin. Deborah Hartmann ist seit Ende 2020 Leiterin der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz (GHdWk), Lucas Frings ist Mitarbeiter der GHdWk.

Remko Leemhuis stellte die Ergebnisse der Studie des AJC zu Antisemitismus in Deutschland vor. Die Studie zeigt, dass die Mehrheit der Bevölkerung Antisemitismus durchaus als Problem betrachtet und eine Zunahme des Judenhasses während der letzten Jahre wahrnimmt. Knapp ein Fünftel ist der Meinung, dass zu viel über Antisemitismus gesprochen wird. Darüber hinaus erachten drei Viertel der Bevölkerung Judenhass nicht als Problem der jüdischen Gemeinschaft, sondern als ein gesamtgesellschaftliches. Indes zeigt die Umfrage aber auch, dass Antisemitismus über politische und gesellschaftliche Gruppen hinweg in der Mitte der Gesellschaft verankert ist und bestätigt damit Ergebnisse vorangegangener Studien, die immer wieder konstatierten, dass ein beachtlicher Teil der deutschen Bevölkerung antisemitische Ressentiments und Stereotype teilt. Zudem belegt die Befragung, dass es einen engen Zusammenhang zwischen der Einstellung zu Jüdinnen und Juden und der Haltung zum Staat Israel gibt. Ein zweiter wesentlicher Bestandteil der Untersuchung war die Befragung von Muslim:innen mit und ohne deutsche Staatsbürgerschaft. Daher wird die Formulierung „Muslime in Deutschland“ und nicht „deutsche Muslime“ oder „muslimische Deutsche“ verwendet. Die Ergebnisse zeigen, dass antisemitische Ressentiments unter diesen Befragten deutlich verbreiteter sind als im Durchschnitt der Gesellschaft. Es zeigte sich auch, dass bei FDP, SPD und Linke-Anhängern:innen manche antisemitische Bilder stark verfangen – und eben nicht nur bei AfD-Parteigängern:innen. Der rechte Rand, der immer wieder im Fokus steht, ist eben, wie Leemhuis ausführte, nicht der einzige Hort des Antisemitismus.

Deborah Hartman und Lucas Frings reflektierten neueste Debatten in Gedenkstätten und die Herausforderungen politisch-historischer Bildungsarbeit mit Blick auf Antisemitismus. Die Auseinandersetzung mit der Shoah ist noch lange keine Befassung mit Antisemitismus allgemein, werde aber immer wieder so formuliert, was problematisch ist. Wie soll man mit Artefakten des nationalsozialistischen Antisemitismus umgehen und wie mit antisemitischen Bildern? Reproduzieren und ausstellen oder nicht? Deborah Hartman verwies auch auf die postkolonialen Debatten und unterstrich, dass Dirk Moses mit seinen Thesen die Gedenkstättenarbeit delegitimiere. Es gebe zudem immer weniger eine klare Einordnung von Antisemitismus, sondern man spreche von „Vorwürfen“ oder beziehe sich auf Kunstfreiheit, um Antisemitismus in der Kulturwelt stehen lassen zu können. Deborah Hartman und Lucas Frings forderten neue und kreative Denkansätze, um das Thema des gegenwärtigen Antisemitismus in die Gedenkstättenarbeit zu integrieren.

In der sich anschließenden Diskussion ging es noch um die documenta fifteen, israelbezogenen Antisemitismus und wie viel mittlerweile möglich ist in Sachen Antisemitismus – die Grenzen verschöben sich immer mehr, es gebe kaum noch Tabus. Dass nach der documents fifteen zwei der verantwortlichen Personen aus dem Künstlerkollektiv ruangrupa Gastproffesuren in Hamburg erhielten, zeige: Antisemitismus oder keine Haltung zu Antisemitismus zu haben, zahle sich aus.

Die Veranstaltung fand im Rahmen der von der Amadeo-Antonio-Stiftung organisierten Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus 2022 statt.

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