Alltag von Sinti und Roma- buchcafé Bad Hersfeld, 2.11.2022

Veranstaltungsreihe hinsehen! erkennen! handeln!
Sinti*zze und Rom*nja: Leben und Alltag und grassierender Antiziganismus in Deutschland

Sinti*zze und Rom*nja sind deutsche Bürger*innen, viele Familien leben seit Jahrhunderten in diesem Land. Andere sind zugewandert. Manche flohen vor Benachteiligung und mit dem Wunsch auf ein besseres Leben nach Deutschland. Seit Februar 2022 fliehen Rom*nja aus der Ukraine vor dem russischen Angriffskrieg, wie Millionen andere Menschen auch. Als Aktivist, Bürgerrechtler und Gesicht der Minderheit wurde Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrates der Deutschen Sinti und Roma, weithin bekannt. Viele Mitglieder der Minderheit
aber verbargen und verbergen ihre Herkunft. Empowerment für Sinti*zze und Rom*nja ist das eine – das andere ist die Frage: Wie kann man den Vorurteilen etwas entgegensetzen und diese zurückdrängen? Es geht um das Aufbrechen der Stereotype und ein Verständnis für Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Minderheit in Deutschland. Antiziganismus ist nur ein Aspekt des Alltags. Sinti*zze und Rom*nja sind Teil der deutschen Gesellschaft. Über ihre Erfahrungen, Wünsche und Forderungen an die Mehrheitsgesellschaft werden wir diskutieren und uns austauschen.
Ein Grußwort von Michael Roth (MdB, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses) bereitete mit sensiblen Worten dem Abend den Weg. „Seit dem 24. Februar 2022 ist unsere Welt eine andere. Als zum ersten Mal die Sirenen über Kyiv dröhnten, Granaten in Schulen und Wohngebäude einschlugen und die vorrückende russische Armee Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer dazu zwang, ihre Heimat zu verlassen, wurde uns abermals bewusst, wie kostbar Frieden, Freiheit und Sicherheit für unser tägliches Zusammenleben sind. Die Gräuel des blutigen Krieges treffen die Roma in der Ukraine in besonderem Maße. Wie auch Minderheiten in anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion sind sie von Ausgrenzung und Stigmatisierung betroffen, haben einen erschwerten Zugang zu Sozialleistungen oder Wohnraum. In einem Krieg, der für alle Ukrainerinnen und Ukrainer unsägliches Leid bedeutet, dürfen wir die Roma, die sich ebenso auf der Flucht vor den russischen Bomben befinden, nicht vergessen. Doch Antiziganismus, Gefühle von Fremdheit und Ignoranz gegenüber Sinti und Roma begegnen uns in ganz Europa, auch und vor allem in Deutschland. Zu lang hat es gedauert, bis wir den hunderttausenden Sinti und Roma angemessen gedacht haben, die der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie zum Opfer gefallen sind. Zu lange wurden die Stimmen derjenigen nicht ausreichend angehört, die sich für Minderheitenrechte einsetzen. Einiges hat sich seitdem getan, um die Perspektiven der Roma und Sinti aus ihrem Schattendasein zu holen. Noch viel mehr ist zu tun. Dafür braucht es nicht nur den Blick zurück, sondern ein offenes und ehrliches Interesse an den Lebenswirklichkeiten der vielen Millionen Menschen, die mit uns in Europa leben. Seien wir neugierig auf romnische Sprache, Musik, Geschichte, Kunst und Kultur. Setzen wir uns ein für Begegnungen und Austausch vor allem unter den jungen Menschen. Und streiten wir entschlossen für die ökonomische, politische und gesellschaftliche Gleichbehandlung von Sinti und Roma. Ein Europa der Freiheit, der Vielfalt und der Solidarität muss ein Europa für Alle sein. Der größten ethnischen Minderheit Europas gehört dabei ein fester Platz in unserer Mitte.“ Ein Ausschnitt aus „Der lange Weg der Sinti und Roma“ (Regie: Adrian Oeser) und ein anschließendes kurzes Gespräch mit dem Regisseur zeigte, wie die Geschichte auch der NS-Zeit in die Gegenwart der Sinti und Roma mitsamt den mörderischen Vorurteilen hineinwirkt und wie wichtig es ist, der Minderheit selbst eine Stimme zu geben. Dr. Frank Reuter (Forschungsstelle Antiziganismus, Universität Heidelberg) erläuterte in einem packenden Vortrag Bilder des Antiziganismus und die damit über Jahrhunderte tradierten Vorurteile. In der Diskussionsrunde mit Jacques Delfeld jr. (Landesverband Deutscher Sinti und Roma RLP; Melde-/ Informationsstelle Antiziganismus), Roberto Linke (Sportjugend Hersfeld-Rotenburg), Dotschy Reinhardt (Leiterin Referat Bildung Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma) und Fatima Stieb (Hersfeld-Rotenburg) wurden authentische und diverse Haltungen von Sinti und Roma hörbar. Vorurteile erleben und erleiden, ihnen mit Bildung und Aufklärung entgegentreten, ein selbstbewusstes Leben führen und paternalistischen Ratschlägen die eigene Haltung entgegenstellen, waren Punkte, die immer wieder in der Diskussion aufkamen. Es waren beeindruckende Momente und Einblicke in den Alltag und die Lebensgeschichten toller Persönlichkeiten. Antiziganismus wird häufig verschleiert oder verharmlost. Oft bekommen Betroffene keine Unterstützung, Vorfälle werden heruntergespielt und Täter:innen erfahren keine Konsequenzen. Mit den Meldestellen Antiziganismus sind nun Plattformen entstanden, die, ähnlich wie die Meldestellen für von Antisemitismus Betroffenen eine niedrigschwellige Meldung hier der antiziganistischen Vorfälle anbietet und das öffentliche Bewusstsein verändern will. RIAS Hessen wird mit der Stelle in Rheinland-Pfalz zusammenarbeiten.

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