Jahresbericht RIAS Hessen 2025
Forderungen und Einsichten Perspektiven des Verbandes jüdischer Studierender Hessen (VJSH) formuliert von Ilana Inna Ponomarenko
Inhalt
RIAS Hessen und auch Susanne Urban als Beauftragte gegen Antisemitismus der Universität Marburg sind für den VJSH als Einrichtung und für uns als Individuen nicht nur Partnerinnen, sondern auch Resonanzraum.
Wir können durch die Dokumentation von RIAS Hessen untermauern, dass unsere auf den Campi und innerhalb der gesamten Hochschule gemachten Erfahrungen sowie die sich für uns als bewusste Jüdinnen und Juden verengenden Räume nicht nur ein Gefühlszustand sind, sondern reell.
Die für 2025 dokumentierten 1099 Vorfälle in Hessen beinhalten 105 an Hochschulen in unserem Bundesland. Das sind zwar 16 weniger als 2024, doch die Intensität ist dieselbe. Zumal dabei bedacht werden muss, dass es 2025 keine Encampments gab, die mehrere Tage dauerten oder in deren Rahmen es zusätzlich noch Angriffe gegeben hatte. Deshalb ist der für uns nicht spürbare statistische Rückgang eben auch keine Entwarnung.
Unsere Erfahrungen, Sorgen und Erwartungen, die uns als jüdische Studierende tagtäglich begleiten, sollen nicht die Leserinnen und Leser betroffen machen oder denken lassen, dass es schon wieder werde, sondern es soll aufgezeigt werden, welche Konsequenzen es aus unseren jüdischen Perspektiven heraus braucht. Es geht also nicht um eine Rückschau allein, sondern um eine Einordnung mit Blick nach vorn: Was ist jetzt konkret zu tun?
Seit zwei Jahren landen Bildungseinrichtungen als Tatorte bei RIAS Hessen auf Platz zwei. Das ist unsere Realität. Denn bevor wir studieren, sind wir Schüler:innen. Und erleben auch Antisemitismus.
Die Erfahrungswirklichkeit jüdischer Studierender in Hessen zeigt, wie konkret das Problem ist. Seit dem 7. Oktober 2023 erleben wir eine massive Zuspitzung antisemitischer Zustände an den Hochschulen. Es finden z.B. Veranstaltungen statt, in denen eine international anerkannte Terrororganisation als legitime Widerstandsgruppe dargestellt wird. Dozierende erwähnen in Seminaren offen ihre Unterstützung für die antisemitisch agierende BDS-Bewegung oder verteidigen Positionen, die empirisch widerlegt und antisemitisch sind – etwa, indem behauptet wird, bei den israelfeindlichen Ausschreitungen in Amsterdam im November 2024 habe es keine Gewalt gegen Israelis gegeben; das Ganze sei lediglich eine Inszenierung von „Islamhassern“ gewesen – so äußerte es eine Person an einer hessischen Hochschule. Solche Aussagen sind nicht nur faktisch falsch – sie ignorieren etwa, dass bereits Tage vor den Ausschreitungen in Amsterdam in einschlägigen Chatgruppen offen von einer geplanten „Judenjagd“ die Rede war. Sie greifen zugleich auf antisemitische Stereotype zurück, delegitimieren jüdische Stimmen und untergraben ein sicheres Studienumfeld.
Gleichzeitig begegnen uns im studentischen Alltag offene Leugnungen antisemitischer Realität. Mir wurde beispielsweise als jüdischer Studentin von einem Kommilitonen ins Gesicht gesagt: „Es gibt keinen Antisemitismus, ihr Juden übertreibt nur.“
Das ist kein Ausrutscher, sondern Ausdruck einer Haltung, die jüdische Erfahrung nicht nur abwehrt, sondern delegitimiert. Und all das geschieht in einem Umfeld, in dem Lehrende häufig schweigen – selbst dann, wenn antisemitische Aussagen offen im Raum stehen.
Wer meint, das sei ein neuer Bruch in der Geschichte, irrt. Hochschulen waren nie automatisch Orte der Aufklärung. Auch in der NS-Zeit waren es akademische Institutionen, die sich besonders schnell gleichschalteten.
Gerade dort, wo Wissen produziert und vermittelt wird, können sich Vorurteile besonders hartnäckig halten – wenn sie in wissenschaftliche Sprache verpackt und institutionell abgesichert sind. Antisemitische Denkmuster erscheinen dann nicht als Ideologie, sondern als Teil eines vermeintlich legitimen Diskurses. Der Rückgriff auf Wissenschaftlichkeit wird dabei oft genutzt, um Kritik abzuwehren – selbst dann, wenn die Inhalte längst von politischer Schlagseite geprägt sind.
Wo antisemitische Denkmuster sich in Strukturen verfestigen, braucht es Menschen, die dem spürbar etwas entgegensetzen.
Wir brauchen Interventionen mutiger Hochschulpräsidien, wir brauchen auch Sanktionen und wir brauchen Solidarität. Wir brauchen Ansprechpersonen, die handeln, Mut zeigen und Verantwortung übernehmen.
Antisemitismus ist nicht nur „eine Form von Rassismus“ – seine Funktionslogik ist eigenständig, komplex und tief verankert. Wer ihn bekämpfen will, braucht Expertise, Haltung – und konkrete Strukturen. Beauftragte gegen Antisemitismus müssen eine dauerhafte Selbstverständlichkeit an den hessischen Hochschulen werden, denn Antisemitismus war nie weg, wird nie verschwinden, zu keiner Zeit.
Es braucht eine wissenschaftlich fundierte und pluralistische Auseinandersetzung mit Israel – nicht trotz, sondern gerade wegen dieser Entwicklungen seit dem 7. Oktober 2023. Auch fordern wir eine verpflichtende antisemitismuskritische Bildung in der Lehrer:innenausbildung und Hochschuldidaktik – nicht als freiwilliges Zusatzangebot, sondern als integralen Bestandteil universitärer Ausbildung. Wer morgen unterrichtet oder lehrt, muss wissen, wie Antisemitismus funktioniert – historisch, strukturell und aktuell. Didaktik ohne antisemitismuskritisches Fundament riskiert, antisemitische Bilder zu reproduzieren oder jüdische Perspektiven zu ignorieren.
Nicht zuletzt gilt: Sichtbarkeit jüdischen Lebens auf dem Campus braucht nicht nur Schutz, sondern aktive Förderung: durch strukturelle Unterstützung, eigene Räume, sichere Veranstaltungsformate und gezielte Maßnahmen gegen Vereinsamung, Angst und Isolation. Wer jüdisches Leben nur als Sicherheitsrisiko denkt, übersieht: Sichtbarkeit heißt Teilhabe. Die Förderung jüdischer Sichtbarkeit darf nicht vom Engagement Einzelner abhängen. Wir wollen uns nicht verstecken müssen. Wir wollen unsere Jüdischkeit in all ihren Facetten und all der gelebten und geliebten Diversität zeigen und nicht Angst haben müssen, dass uns jemand den Davidstern von der Tasche reißt. Es braucht feste Budgets, personelle Ansprechstrukturen und klare Unterstützung für jüdisch-studentische Selbstorganisation – von Festen bis zu politischen Debatten. Zweieinhalb Jahre nach dem 7. Oktober 2023 möchten wir uns wieder mehr um studentische Angelegenheiten kümmern, tanzen, feiern, Prüfungen unbeschwert angehen können. Und jüdisches Leben leben.