Jahresbericht RIAS Hessen 2025

Ein Kommentar von Dani Kranz Ein Blick ins Jahr 2025

Der Bundesverband RIAS e.V. wurde im Herbst 2018 gegründet. Seitdem können über die Webseite https://report-antisemitism.de/ antisemitische Vorfälle bei RIAS online und damit sehr niedrigschwellig gemeldet werden; der Meldemechanismus steht auf Deutsch, Englisch und Russisch zur Verfügung. Somit gibt es seither eine Stelle, die es ermöglicht, das Dunkelfeld antisemitischer Vorfälle bundesweit zu kartieren und Betroffene zugleich fragt, ob sie weitere Beratung benötigen.

Gemeldet werden Vorfälle, die Menschen als antisemitisch erleben. Dies stellt einen Unterschied zur Einstellungsforschung dar, die über Fragenkataloge antisemitische Einstellungen empirisch erhebt und damit ein anderes Feld erschließt: Jemand, der antisemitische Einstellungen hegt, kann antisemitisch handeln, muss es aber nicht. Über das Erleben von Antisemitismus im Alltag kann die Einstellungsforschung keine Aussagen treffen; sie weist auf Einstellungen hin und kann – sofern sie regelmäßig erhoben wird – Trends in diesen Einstellungen abbilden.

Ein weiteres Forschungsfeld erschließt das Erleben von Antisemitismus bei Juden als lebensweltliches Phänomen, als konstante, gewaltvolle Struktur, die sie dauerhaft trifft und nicht nur in Form von Extremgewalt. Die erste Veröffentlichung, die dieses jüdische Erleben systematisch aufgreift, erschien erst ein Jahr vor der Gründung von RIAS (Zick et .al. 2017). Im selben Jahr wurde der Dokumentarfilm „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ ausgestrahlt – und zwar über bild.de, da die Sender, die ihn in Auftrag gegeben hatten, ihn mit dem Verweis auf angebliche Qualitätsmängel nicht senden wollten. Nachdem der Film die Öffentlichkeit dennoch erreicht hatte, wurde er – verspätet – doch noch in der ARD ausgestrahlt, allerdings gefolgt von einer Diskussion in der Talkshow „Maischberger“. Antisemitismus, so schien es, konnte nicht als Tatsache, als empirische Realität und als lebensweltlich für Juden angenommen werden. In der Talkrunde durfte ein „israelkritischer“ Jude nicht fehlen – man mag dies als Multiperspektivität sehen oder auch als Abwehrmechanismus, denn der Film konfrontierte, unumwunden, Europäer aller Couleur mit einem Antisemitismus, der nicht nur an den Rändern ihrer Gesellschaften existiert, sondern auch in der Mitte Zuspruch findet und unter Christen wie unter Muslimen vorhanden ist. Es wurden alle antisemitischen Escheinungsformen deutlich. Ebenso zeigte sich, welche gesellschaftlichen Akteure dazu beitragen, den Hass gegen Juden in Europa eben nicht zu durchbrechen. Weder für empirische Forscher – stellvertretend sei hier Monika Schwarz-Friesel genannt – noch für Juden selbst brachte der Film neue Erkenntnisse über Antisemitismus in Europa. Er lieferte – oder eher: bestätigte – wie ausgeprägt die Abwehrhaltungen sind, Antisemitismus zu erkennen, zu benennen und zu bekämpfen.

Somit konterkarierten empirische Erhebungen und der Dokumentarfilm die Vorstellung, dass das, was nicht sein durfte, tatsächlich nicht existiere. Vielmehr zeigte sich, dass Antisemitismus fortdauerte, auch nach 1945. Gerade politische Akteure wurden nie müde zu betonen, dass es keinen Platz für Antisemitismus geben dürfe und dass jüdische Präsenz in Deutschland ein Geschenk sei. Ein Geschenk, wohlgemerkt, das dem Beschenkten wohl nicht unbedingt zusagte und das zudem vom Umtausch ausgeschlossen war, zumal die Weiterexistenz von Juden in Deutschland von den USA an die „Wiedergutwerdung“ des neuen (West-)Deutschlands gekoppelt wurde. An dieser Stelle muss allerdings auch bemerkt werden – auch das weist die Einstellungsforschung nach –, dass nicht alle Befragten in repräsentativen Umfragen antisemitische Einstellungen hegten.

Die Erfassung und Erforschung sagt indes einiges darüber aus, wie Antisemitismus nach 1945 in der Wissenschaft konzeptualisiert wurde, aber auch, welche Leerstellen in der Forschung selbst existierten: Antisemitismus blieb lange auf Geschichte, Einstellungen und Extremgewalt beschränkt. Antisemitismus wurde jedoch kaum als etwas wahrgenommen, das Juden permanent begleitet, und auch nicht als etwas, das Menschen – Juden wie Nichtjuden – in ihrem Alltag als verletzend, verstörend, verängstigend und erniedrigend erleben und das ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nachhaltig negativ beeinflusst, wenn nicht einschränkt.

85 Prozent aller Juden, die im Deutschen Reich überlebt hatten, hatten durch „Mischehen“ überlebt, stellt der Historiker Maximilian Strnad (2015) fest. Wie jedoch diese Juden und ihre nichtjüdischen Ehepartner sowie ihre Kinder die Zeit danach erlebten, ist bis heute kaum erforscht. Die sozialwissenschaftliche Studie von Sonja Grabowski (2012) untersucht dieses Feld und stellt eine lebenslange, schmerzhafte Zerrissenheit bei den sogenannten „Mischlingen“ fest. Antisemitismus hinterlässt tiefe Spuren, die lebensweltliche Folgen haben und Individuen nachhaltig prägen.

Gerade wegen dieses lebensweltlichen Erlebens und individuellen Wahrnehmens wird die Art der Vorfälle kategorisiert, die über die Webseite bei RIAS eingehen. RIAS folgt der Arbeitsdefinition Antisemitismus der IHRA und verwendet ein entsprechendes Kategoriensystem. Folglich wird zwar jede Meldung angenommen und ernst genommen, aber nicht jede Meldung stellt einen antisemitischen Vorfall dar, der durch die IHRA abgedeckt ist. So ist – auch wenn dies von Kritikern der IHRA immer wieder bezweifelt wird – Kritik, die sich gegen den Staat Israel richtet und mit Kritik an anderen Staaten vergleichbar ist, nicht antisemitisch und sie findet keinen Eingang in das Vorfallsgeschehen, das RIAS aufzeichnet. Das Kategoriensystem sowie die Jahresberichte sind online einsehbar und abrufbar. RIAS arbeitet transparent.

Dennoch nehmen die Angriffe auf RIAS zu – und dies nicht nur von extremistischer Seite. Zweifel an der Redlichkeit der Kategorisierung kommen auch aus der Wissenschaft. So hörte ich von einem Kollegen in einem Gespräch, dass er „Free Gaza“ nicht als Antisemitismus lese, RIAS dies jedoch so kategorisiere. Dies stimmt in der Tat nicht: „Free Gaza“ erfüllt nicht das Kriterium eines antisemitischen Vorfalls, was wiederum nicht bedeutet, dass Menschen – Juden wie Nichtjuden – es nicht als antisemitisch lesen können.

Auch, so erklärte er mir weiter, führe die IHRA dazu, dass sich Kolleginnen und Kollegen zensierten oder dass sich Kolleginnen aus dem Globalen Süden, die noch kein Tenure hätten, nicht mehr wohlfühlten. Da ich in dem Gespräch primär zuhörte, weil mich die Aussagen überraschten – mitunter überrannten –, habe ich nicht nachgefragt, was es mit den Kolleginnen aus dem Globalen Süden auf sich habe und warum Geschlecht in diesem Zusammenhang relevant sei. Dies bedaure ich, da ich eine Zwangskollektivierung von Menschen aus dem Globalen Süden ebenso ablehne wie von Menschen aus dem Globalen Norden.

Ebenso habe ich leider nicht gefragt, in welchem Fachbereich diese Kolleginnen verortet sind, zumal manche Fachbereiche stärker von Aktivismus und potenziell problematischen Einstellungen und Handlungen betroffen sind als andere, wie die Flaggenstudie der Sozialwissenschaftler Mark Lutter, Naomi Pech und Marc Grimm (2025) darlegte. Sie hatten verschiedene Nationalflaggen sowie die Regenbogenflagge an schwarzen Brettern in Hochschulen aufgehängt. Dabei fiel auf, dass die israelische Flagge die geringste Chance hatte, 14 Tage unbeschadet zu überstehen, während die palästinensische Flagge bessere Chancen hatte und die Regenbogenflagge am seltensten entstellt oder entfernt wurde. Zudem stellten die drei fest, dass es Unterschiede zwischen Fachbereichen gab: Gerade die israelische Flagge wurde am häufigsten in Gebäudeteilen entfernt oder entstellt, in denen sich die Geistes- und Sozialwissenschaften befinden.

Meine Reflexionen basieren auf ethnographischen Beobachtungen in wissenschaftlichen Zusammenhängen, aber auch darüber hinaus. Ich selbst bin Anthropologin und beobachte meine Umgebung entsprechend. Die Wissenschaft im weitesten Sinne – also Universitäten, Hochschulen, Konferenzen und wissenschaftliche Institutionen – ist eine Umgebung, mit der ich bestens vertraut bin. In dieser Umgebung gibt es immer viel zu entdecken, und damit meine ich nicht nur neue Bücher in der Bibliothek: Die Wissenschaft ist ein lebendes Biotop.

Wissenschaftliche Zusammenhänge sind keineswegs antisemitismusfreie Zonen – leider –, und mitunter immer noch zu meinem Erschrecken. Aus meinen Feldforschungsnotizen geht hervor, dass Antisemitismus in der Wissenschaft nicht erst seit dem 7. Oktober 2023 existiert, sondern bereits zuvor präsent war. Ebenso lässt sich beobachten, dass mitunter eine Verweigerungshaltung besteht, sich mit lebensweltlichem Antisemitismus auseinanderzusetzen, den Juden in dieser Umgebung erleben – oder diesen überhaupt zu erkennen. Wie oben erwähnt: Die Reaktionen auf die Doku „Auserwählt und ausgegrenzt“ (2017) sind aussagekräftig.

Ich gehe spezifisch auf den wissenschaftlichen Raum ein, da wissenschaftliche Institutionen und Strukturen Legitimationszonen darstellen: Sie beeinflussen Diskurse, setzen Deutungen und besitzen Strahlkraft, Normalität zu definieren. Das kann man TikTok-Influencern wohl kaum zusprechen, auch wenn diese eine größere Reichweite haben. Das soll nicht heißen, dass TikTok und andere soziale Medien keinen Einfluss auf gesellschaftliche Diskurse haben; sie verfügen jedoch nicht über das Legitimationsvermögen wissenschaftlicher Institutionen und Wissenschaftler. Influencer haben keine Berufsvereinigungen und fungieren in der Regel auch nicht als Politikberater – wenngleich spezifische, anti-intellektuelle und anti-wissenschaftliche Regierungen ihnen offenbar zunehmend offen gegenüberstehen. In Deutschland ist dies bislang jedoch weniger der Fall.

Nicht umsonst sind Professoren staatliche Akteure, und Forschung und Lehre werden durch das Grundgesetz geschützt. Wissenschaftliche Akteure – nicht nur Professoren – haben Funktionen, die Influencer nicht besitzen. Das Infragestellen der Redlichkeit der RIAS-Daten sowie die fixe Idee, dass die IHRA „den Mund verbiete“, entfalten daher eine andere Wirkung, wenn diese Aussagen von Akteuren kommen, die als legitim wahrgenommen werden.

Die Delegitimierung von RIAS aus der Wissenschaft heraus führt zur Relativierung von Antisemitismus, der eben weder ein Randphänomen extremistischer Gruppierungen ist noch lediglich eine Einstellung unter „ewig Gestrigen“ oder radikalisierten, jugendlichen Social-Media-Nutzern. Antisemitismus ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, eine Tiefenstruktur, die als Brückenideologie funktioniert wie kaum eine andere Ausprägung gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

So wäre es fatal, die stark gestiegenen Vorfälle lediglich auf die höhere Bekanntheit und damit größere Durchdringung von RIAS und die daraus resultierende höhere Wahrscheinlichkeit von Meldungen zurückzuführen. Ebenso fatal wäre es, Antisemitismus – in Hochschulen, auf der Straße, in Kulturinstitutionen, im Fußballstadion und in der Gesellschaft insgesamt – ausschließlich auf den 7. Oktober 2023 und seine Folgen zu fokussieren. Der Schwarze Schabbat hat vielmehr eine Möglichkeitsstruktur geschaffen. Bemerkenswert ist hierbei, dass diese Möglichkeitsstruktur bereits am 7. Oktober 2023, also ohne Zeitverzögerung, eintrat. Die Soziologen Heiko Beyer und Bjarne Goldkuhle (2024) arbeiteten heraus, dass der Nahostkonflikt eine Möglichkeitsstruktur darstellt, antisemitische Einstellungen – gefiltert durch das Chiffre Israel – bei einem Aufflammen des Konflikts auszudrücken. Dieses Phänomen haben auch andere Sozialwissenschaftler identifiziert.

Historische Forschung zeigt zudem, dass antijüdische Gewalt – Pogrome – sich häufig von Ort zu Ort ausbreitete, sodass ein Pogrom weitere Pogrome nach sich zog. Ein bekanntes Beispiel sind die Hep-Hep-Krawalle des Jahres 1819, die sich von Würzburg nach Frankfurt und von dort weiter bis nach Hamburg, Kopenhagen und Danzig ausbreiteten. Bemerkenswert, aber nicht überraschend, ist, dass sich diese Gewalt mit der Zeit von Süden nach Norden und Osten bewegte.

Am und nach dem 7. Oktober 2023 war dies anders. Begünstigt durch soziale Medien und direktes Livestreaming – die Hamas und andere Terroristen filmten und übertrugen ihre Verbrechen live – wurden die Gräuel, die in Südisrael verübt wurden, ohne Zeitverzögerung global zugänglich. Das bedeutet, dass die Chance, die historische jüdische Gemeinschaften teilweise hatten – nämlich eine zeitliche Distanz zur Gewalt –, den heutigen Juden verwehrt blieb. Sie waren unmittelbar betroffen: sowohl durch den medialen Horror als auch durch die Reaktionen ihrer unmittelbaren Umgebung, die ebenfalls ohne zeitliche Verzögerung einsetzten.

Empathielosigkeit und Entsolidarisierung wurden in der inzwischen wachsenden Zahl von Studien durchweg belegt. Hinzu kamen antiisraelisches Geraune und Proteste gegen einen potentiellen militärischen Einsatz der israelischen Streitkräfte im Gazastreifen. Juden sollten – so schien es – Opfer sein und Opfer bleiben. Metaphorisch zeigte sich dies darin, dass wehrhafte Juden, in Form von Israelis und insbesondere israelischen Soldaten, offenbar starke Trigger darstellten. Sie wurden im Idiom des antiisraelischen Siedlerkolonialismus- und Apartheidsdiskurses als „weißgemachte Unterdrücker“ dargestellt. Dieses Begriffspaar wurde rasch um den Kampfbegriff „Genozid“ erweitert, den Israel angeblich im Gazastreifen begehe, nachdem die IDF militärisch gegen die Hamas vorging.

Dieses Begriffstriumvirat war nicht nur bei Straßenprotesten zu hören und in sozialen sowie anderen Medien zu lesen; auch die pro-palästinensischen Camps an Universitäten, die die Soziologin Karin Stögner als „antiisraelische Volksfeste“ charakterisierte, trugen zur gesamtgesellschaftlichen Stimmung bei. Sie trugen dazu bei, dass Antisemitismus im Allgemeinen und israelbezogener Antisemitismus im Besonderen normalisiert wurden.

Diese Normalisierung wurde dadurch erleichtert, dass faktenbasiertes Wissen über lebende Juden allgemein sowie über Israel und Israelis im Besonderen gering ist. Ideologie und Emotion füllten dort auf, wo Wissen sein sollte. Da das Wissensangebot über lebende Juden, über Israel in Geschichte und Gegenwart sowie über Israelis an deutschen Hochschulen und Universitäten begrenzt ist – zumal es bis heute keine einzige Professur mit der Widmung jüdische Gegenwartsforschung und Israelstudien an einer deutschen Universität gibt –, konnten die antiisraelischen Camps diese Wissenslücke teilweise füllen.

Die Konstanzer Soziologen Thomas Hinz, Anna Marczuk und Frank Multrus (2025) konnten nachweisen, dass unter Studierenden das Anzweifeln des Existenzrechts Israels von 25 Prozent im Jahr 2024 auf 43 Prozent im Jahr 2025 anstieg. Studierende, die die Autoren zuvor als weniger antisemitisch und weniger israelfeindlich als die Gesamtbevölkerung charakterisiert hatten, näherten sich damit deutlich der Gesamtbevölkerung an. Es gibt also – wie die drei sowie auch der Soziologe und Historiker Günther Jikeli und der Antisemitismusforscher Daniel Miehling (2025) für die USA feststellten – einen Zusammenhang zwischen pro-palästinensischen beziehungsweise antiisraelischen Camps und der negativen Wahrnehmung beziehungsweise dem Anzweifeln des Existenzrechts des Staates Israel. Gerade an Universitäten und Hochschulen ist Antisemitismus mit Israelbezug verbreitet, da er an linken Antisemitismus und seine besondere Fokussierung auf Globalisierung, Kapitalismus und Imperialismus anschlussfähig ist, während moderner Antisemitismus und religiösmotivierter Antijudaismus viel weniger Zustimmung finden.

Wie dem auch sei, es begann eine Enthemmung, die weiterhin anhält, wie die Vorfälle dieses Jahresberichts für das Bundesland Hessen zeigen. Antisemitismus – mit und ohne Israelbezug – wird zunehmend sichtbar und hörbar, wobei Antisemitismus mit Israelbezug die dominierende Form darstellt. Die drei Konstanzer Soziologen Hinz, Marczuk und Multrus befürchten indes, dass israelbezogener Antisemitismus weiter zunehmen wird.

Hier bietet sich eine Parallele zur historischen antijüdischen Gewalt an: Auch ein modernes, gegenwärtiges Pogrom erzeugt weitere Gewalt – allerdings nun in Echtzeit und ohne zeitliche Verzögerung. Antisemitismus ist dadurch noch gefährlicher geworden; das Stresserleben der jüdischen Bevölkerung ist weiter gestiegen.

Die Fragen, die sich nun stellen, betreffen nicht nur Juden – mit oder ohne israelische Staatsbürgerschaft – in Deutschland, die zu direkten Feindbildern geworden sind. Sie betreffen auch die Gesamtgesellschaft und werfen die Frage auf, in welcher Gesellschaft wir leben wollen und welchen Minimalkonsens wir für den Umgang miteinander finden können – und wie.

Von den 1099 antisemitischen Vorfällen im Bundesland Hessen, die in die Statistik eingegangen sind, fanden 190 in Schulen und Hochschulen statt. Dies ist ein Zustand, den die Jüdische Studierendenunion Deutschlands (JSUD) in ihrem Forderungskatalog gegen Antisemitismus an Hochschulen (2025) nachdrücklich kritisiert und mit klaren Forderungen verbunden hat.

Jüdische Schüler verfügen über keine vergleichbare Union. Wie jüdische Kinder Schule erleben, lässt sich jedoch aus der Schulforschung erschließen: Die Daten und Analysen von Julia Bernstein sowie von Marina Chernivsky und Friederike Lorenz-Sinai belegen seit Jahren einen alarmierenden Zustand. Dass sich dieser in Universitäten und Hochschulen fortsetzt, ist daher nicht überraschend, weist jedoch darauf hin, dass Antisemitismus in Schulen offenbar nicht mit dem notwendigen Nachdruck bekämpft wird.

Ein weiteres Merkmal der Enthemmung ist der Antisemitismus im öffentlichen Raum. Mit über 500 Vorfällen sticht er besonders hervor. Es herrscht ein antisemitisches Klima im öffentlichen Raum, denn auch Grünanlagen und der öffentliche Personennahverkehr sind betroffen. Sich entspannt im Park zu sonnen scheint mitunter ein öffentliches Gut zu sein, das nicht mehr allen Menschen gleichermaßen zugänglich ist. Ebenso kann der Genuss von Kunst und Kultur für manche ins Gegenteil umschlagen, wobei Diskussionen über antiisraelischen Antisemitismus im Kunst- und Kultursektor bereits lange vor dem 7. Oktober 2023 geführt wurden.

Der Schwarze Schabbat hat allerdings nur teilweise dazu geführt, dass sich Kunst- und Kulturbetrieb kritisch mit Antisemitismus auseinandersetzen. Der 7. Oktober 2023 hat ihm vielmehr zusätzlichen Aufwind verliehen, wie die bitter geführten Debatten um die Berlinalen der Jahre 2025 und 2026 zeigen. Gegen Israel zu sein ist Teil eines neuen Chics geworden; differenzierte Auseinandersetzungen sind es weit weniger.

Kunst und Kultur bleiben jedoch ebenso begrenzte Räume wie die Wissenschaft. Nicht alle Juden nehmen daran teil. Juden bewegen sich jedoch alle im öffentlichen Raum – auf der Straße, im Park, in ihrem Wohnumfeld. Die Verschiebung und Normalisierung von Antisemitismus in diese Sphären trägt dazu bei, dass sich Antisemitismus in Alltagssituationen ausbreitet. Vorfälle im direkten Wohnumfeld sind von 37 im Jahr 2024 auf 51 im Jahr 2025 gestiegen.

Antisemitismus ist damit allgegenwärtig, lebensweltlich und ebbt nicht ab. Es ist keine steile These anzunehmen, dass die erneute Eskalation der Kriegshandlungen im Nahen und Mittleren Osten im März 2026 zu weiteren antisemitischen Vorfällen führen wird.

Allerdings scheint dieser neue Krieg zugleich zu Schulterschlüssen zu führen, die Antisemitismus eindämmen könnten, zumal israelisch-kurdische sowie iranisch-israelische Symbolik auf Protesten sichtbar wird. Es könnte somit zu gravierenden Machtverschiebungen im Nahen und Mittleren Osten kommen. Dass diese Auswirkungen auf Deutschland haben werden, ist zweifelsohne der Fall; offen bleibt lediglich, welche genau und ob sie sich in weniger antisemitischen Vorfällen niederschlagen werden.

Dies ist allerdings Zukunftsmusik. Dennoch sollten all jene, die Antisemitismus entgegentreten wollen, beginnen, einen zukunftsfähigen Minimalkonsens zu entwickeln. Ein weiterer Anstieg antisemitischer Vorfälle ist Juden nicht zuzumuten und zudem verheerend toxisch für die Gesamtgesellschaft.

Vielleicht sollten wir als Wissenschaftler den Anfang machen, anstatt mehr Zeit darauf zu verwenden, über Antisemitismusdefinitionen zu streiten oder, im schlimmsten Fall, Antisemitismus zu negieren und durch einseitige Veranstaltungen gar zu befeuern. Diese gibt es, wie der Friedensforscher Johannes Sosada (2025) in seiner Studie über Antisemitismus an Universitäten belegte. Stattdessen sollten wir der empirischen Realität zu begegnen und faktenbasierte, positive Entwicklungen für die Gesamtgesellschaft voranzutreiben – und Antisemitismus in all seinen Formen und auch in unseren Kreisen anerkennen und bekämpfen.


Dani Kranz © Boris Bocheinski

Dani Kranz © Boris Bocheinski

Dani Kranz ist Forschungsdirektorin des Tikvah Instituts, Berlin, Direktorin von Two Foxes Consulting, Deutschland und Israel sowie erste Vorsitzenden von Präsenzen – Netzwerk jüdische Gegenwartsforschung e. V. Sie ist im Vorstand der Association for the Social Scientific Jewry (ASSJ) und eines der Gründungsmitglieder im Netzwerk jüdischer Hochschullehrender (NJH). Ihre Expertise umfasst Migrations- und Ethnizitätsforschung, Anthropologie von Recht, Politik und Staat, intergenerationaler Tradierung, Erinnerungskultur- und politik sowie Antisemitismus und Philosemitismus und Kulturerbe.


Quellen

Beyer, Heiko, und Bjarne Goldkuhle. 2024. „Möglichkeitsräume für Antisemitismus? Zur Öffnung politisch-kultureller Gelegenheitsstrukturen während der Eskalationsphasen des ‚Nahostkonflikts‘.“ Politische Vierteljahresschrift 65: 691–710. https://doi.org/10.1007/s11615-024-00542-1.

Grabowsky, Sonja. 2012. Meine Identität ist die Zerrissenheit: „Halbjüdinnen“ und „Halbjuden“ im Nationalsozialismus. Gießen.

Hinz, Thomas, Anna Marczuk und Frank Multrus. 2024. Antisemitismus und pro-palästinensische Proteste an deutschen Hochschulen: Befragungsergebnisse bei Studierenden und Hochschulleitungen. Working Paper Series 43. Konstanz: Universität Konstanz. https://doi.org/10.48787/kops/352-2-tr9zst47z02p6.

Jikeli, Günther, und Daniel Miehling. 2025. Anti-Israel Campus Groups: Online Networks & Narratives. Bloomington, IN: Institute for the Study of Contemporary Antisemitism, Indiana University. https://doi.org/10.17613/yb6ze-q9881.

JSUD (Jüdische Studierendenunion Deutschland). 2025. „Forderungskatalog gegen Antisemitismus an Hochschulen.“ https://www.jsud.de/post/forderungskatalog-gegen-antisemitismus-an-hochschulen.

Lutter, Mark, Naomi Pech und Marc Grimm. 2025. „The Limits of Tolerance: A Field Experiment at a German University on Bias against the Israeli Flag.“ https://doi.org/10.31235/osf.io/hcr4y_v1.

Schroeder, Joachim, und Sophie Hafner. 2017. Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa. Dokumentarfilm. Deutschland: WDR/ARTE.

Sosada, Johannes. 2025. Gebildeter Antisemitismus an Universitäten in Deutschland: Orte der Toleranz? Baden-Baden: Nomos. https://doi.org/10.5771/9783748952886.

Strnad, Maximilian. 2015. „The Fortune of Survival – Intermarried German Jews in the Dying Breath of the ‘Thousand-Year Reich’.“ Dapim: Studies on the Holocaust 29 (3): 173–196.

Zick, Andreas, Andreas Hövermann, Silke Jensen, Julia Bernstein und Nathalie Perl. 2017. Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus in Deutschland: Ein Studienbericht für den Expertenrat Antisemitismus. Bielefeld: Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung, Universität Bielefeld.