Jahresbericht RIAS Hessen 2025

Fokuskapitel II: Antisemitismuserfahrungen in Bildungseinrichtungen in Hessen 2025

Zwei Bemerkungen vorab zum besseren Verständnis der qualitativen Analyse.

Bundesweit dokumentieren RIAS-Stellen Vorfälle unter dem Tatort „Internet“, wenn es sich um Äußerungen per E-Mail, Messengerdienst oder einen direkt gegen eine Einrichtung oder Person gerichteten Kommentar auf Social Media (Facebook, X, Instagram etc.) handelt. Dies kann auch eine Direktnachricht an eine Jüdische Gemeinde oder ein Museum sein.

Kunst- und Kultureinrichtungen, also Museen, Theater oder auch Festivals werden separat von Bildungseinrichtungen erfasst. 2025 wurden RIAS Hessen bereits 52 Vorfälle aus Kunst- und Kultureinrichtungen bekannt (2024: 37). Zehn Vorfälle betrafen online jüdische Kunst- und Kultureinrichtungen oder die dort tätigen Personen.

Bildungseinrichtungen in Hessen: leichter Anstieg der Vorfälle 2025 im Vergleich zu 2024

Die Zahl der antisemitischen Vorfälle in Bildungseinrichtungen stieg 2025 im Vergleich zu 2024 um rund sechs Prozent, von 178 auf 190 Vorfälle.

Aus Schulen wurden 2025 insgesamt 71 Vorfälle bekannt (2024: 48 Vorfälle), aus Hochschulen 105 Vorfälle (2024: 121 Vorfälle) gemeldet. Aus sonstigen Einrichtungen, bspw. Jugendeinrichtungen, sind zehn Vorfälle bekannt geworden (2024: acht Vorfälle). Kitas waren drei Mal Orte antisemitischen Geschehens (2024: ein Vorfall).

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Grafik 1: 2025: Vorfälle an Bildungseinrichtungen

An Hochschulen zeigten sich Peaks zwischen Mai und Juli sowie im Oktober und November 2025. Im Mai liegt der Jahrestag der Staatsgründung Israels 1948. Dies wird z.B. zum Anlass genommen, sich gegen Israel zu positionieren. Hinzu kommt der ebenfalls im Mai begangene sogenannte Nakba-Tag. Seit 2004 wird an diesem Tag an Flucht und Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung aus dem früheren britischen Mandatsgebiet Palästina zwischen 1948 und 1949 erinnert. An diesem Tag gibt es oft Aufrufe zum „Widerstand gegen Kolonialismus“ oder es werden Delegitimierungen der Existenz des Staates Israel vorgenommen. Zu Semesterbeginn im Frühjahr 2025 begann, wie bereits 2024, eine Mobilisierungsphase an den Hochschulen. Im Oktober 2025 wurde der nunmehr zweite Jahrestag des terroristischen Überfalls auf Israel wieder zur  Gelegenheitsstruktur für antisemitische Versammlungen und andere Vorfälle. Encampments gab es 2025 in Hessen an keiner Hochschule, was noch 2024 zu etlichen Vorfällen geführt hatte. Vorlesungsfreie Zeiten wie im August und September zeigen ebenfalls einen Rückgang der Vorfälle an und in Hochschulen.

An Schulen blieb die Anzahl der Vorfälle zwischen Januar und Juni auf einem relativ stabilen Niveau, mit einem Rückgang im April, was auf die Osterferien zurückzuführen ist. Im Juli und August waren Sommerferien. Im September und Dezember wurden jedoch deutlich mehr Vorfälle an den hessischen Schulen als im sonstigen Verlauf des Jahres gemeldet (jeweils 13 Vorfälle).Um die Betroffenen zu schützen, werden zu Vorfällen aus Schulen in den meisten Fällen keine Details veröffentlicht, die eine Reidentifizierung ermöglichen. Dies gilt nicht für Vorfälle, die medial begleitet wurden. Vergleichbare Kriterien gelten für Vorfälle an Hochschulen.

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Grafik 2: Antisemitische Vorfälle in Bildungseinrichtungen 2025 im monatlichen Verlauf.

Antisemitismus und Rassismus traten in Bildungseinrichtungen im Jahr 2025 14-mal miteinander verschränkt auf, 12-mal kam es zu Vorfällen, in denen Antisemitismus und Sexismus gemeinsam auftraten, zwei Vorfälle in Schulen wiesen neben Antisemitismus zugleich Antiziganismus auf. Die meisten intersektionalen Vorfälle tauchten an Schulen auf.

 


Antisemitische Vorfälle an Schulen in Hessen 2025

An den unterschiedlichen Schulformen in Hessen kam es 2025 mit 71 bekannt gewordenen Vorfällen im Vergleich zu 2024 zu einem sichtbaren Anstieg um rund 47 Prozent. Zugleich dokumentierte RIAS Hessen neun Vorfälle, die über Online-Medien stattfanden, aber direkt an Schulen geschahen, womit insgesamt 80 Vorfälle den schulischen Bereich betrafen.

Im Austausch mit Vertreterinnen und Vertretern von Bildungseinrichtungen wie der pädagogischen Abteilung des Jüdischen Museums der Stadt Frankfurt, Spiegelbild – Politische Bildung aus Wiesbaden, der Bildungsstätte Anne Frank oder auch den Jüdischen Gemeinden, die Schulklassen empfangen, wird deutlich, dass RIAS Hessen keineswegs alle Vorfälle in schulischen Kontexten abbildet, weil bspw. während Workshops oder im Austausch mit Lehrpersonal weitere Vorfälle geschahen oder bekannt geworden sind. Bei Schülerinnen und Schülern ist eine sich radikalisierende Bildsprache festzustellen. Dies wird u.a. mit Blick auf Vorfälle deutlich, in denen die Shoah verherrlicht oder befürwortet wurde.

In Gesprächen mit Schulpersonal zeigte sich, dass eine Affinität von Eltern zu Rechtspopulismus und Rechtsextremismus von diesen nur selten verschleiert, sondern teils offen formuliert wird. RIAS Hessen wurden Erfahrungen bekannt, in denen Lehrpersonal und in der Schule tätige Personen sich antisemitisch äußerten oder Antisemitismus bagatellisierten. In solchen Fällen verlieren Lehr- und Leitungspersonen den Status der sicheren Ansprechpersonen für Betroffene und der Alltagsort Schule wird zum Angstraum.

„Um hier wirksam und nachhaltig etwas entgegensetzen zu können, kann es nicht ausschließlich um das Selbstbild der Lehrkräfte gehen, um den Ruf der Schule, um das Gespräch zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Akteuren, die in den Anderen den Antisemiten sehen – sondern es geht um jüdische Menschen in Deutschland, die sich in der Praxis, in der Schule und im Alltag als erwünscht und anerkannt erleben sollen. Es geht um ihre gleichwertige Teilhabe am schulischen und gesellschaftlichen Leben, für die das Erkennen, Benennen und effektive Handeln gegen Antisemitismen wegweisend ist.“Julia Bernstein/Marc Grimm und Stefan Müller: Jüdinnen und Juden als Objekte oder als Subjekte? Überlegungen zu einem Paradigmenwechsel, in: dies. (Hrsg.): Schule als Spiegel der Gesellschaft: Antisemitismen erkennen und handeln, Wochenschau Verlag, Frankfurt am Main 2022, S. 20

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Grafik 3: Antisemitische Erscheinungsformen an Schulen im Jahr 2025.

Bekannt wurden an Schulen in Hessen eine Bedrohung und drei Angriffe. Hinzu kamen 68 Fälle verletzenden Verhaltens.

Dem antisemitischen Othering wurden 47 Vorfälle zugeordnet, 36 dem Post-Shoah-Antisemitismus, bspw. der Leugnung oder Bagatellisierung des Holocaust. Israelbezogener Antisemitismus wurde 19-mal dokumentiert, in acht Fällen gab es direkte Bezüge zum 7. Oktober 2023. Sieben Mal wurden antijudaistischer und sechs Mal moderner Antisemitismus klassifiziert.Durch Verschränkungen verschiedener Erscheinungsformen kann die Gesamtzahl höher als 73 sein.

Erschreckend ist, dass in Schulen sieben Mal ein Bezug zum Töten durch Gas formuliert und sieben Mal die Shoah gutgeheißen wurde. 14-mal kam es zu einer abwertenden Bezeichnung in Zusammenhang mit dem Wort Jude. Sieben Mal wurden jüdische Personen mit Israel gleichgesetzt und sollten sich u.a. zum Staat Israel erklären; sechs Mal wurde der Staat Israel delegitimiert.

Frühjahr 2025: An einem Aufsteller mit Abiturplakaten wurde zeitgleich zu einer Feier der Jüdischen Gemeinde in der Stadt ein Israel delegitimierendes Transparent befestigt: „Wir hätten auch gerne einen Abschluss #FreePalestine“. „F*ckt euch ihr Genozidkomplizen! Palestine will rise again, abolish Israel, end Imperialism! Gruß XX“.

Mai 2025: Ein Abiturjahrgang sammelte auf einem anonymen Portal Vorschläge für Abimottos. Dabei kamen antisemitische, rassistische und diskriminierende Ideen auf, die anonym mehrfach positiv bewertet wurden. Ein Vorschlag lautete: „NSDABI – Verbrennt den Duden“. Ein weiterer Vorschlag hieß: „Abi macht frei“, in Anlehnung an die an Eingangstoren mancher nationalsozialistischen Konzentrationslagern angebrachte zynische Parole „Arbeit macht frei“. Weitere Vorschläge spielten mit rechtsextremen völkischen Fantasien oder wiesen islamistische Motive auf. Es hieß aber auch: „AbIsrael – das auserwählte Volk zieht weiter“ oder „Unser Stoff war härter als Cyklon B“ (sic!).  Der Abiturjahrgang distanzierte sich in einer Stellungnahme von den Vorschlägen und stellte klar, dass der Link zu der Website nur für die Komitee-Mitglieder vorgesehen war, diesen Link aber hatte weitergeben können.

Ende 2025: Auf einem von einer Klasse erarbeiteten Plakat zum Vergleich der Religionen wurde von Unbekannten der Davidstern überkritzelt. Das Plakat wurde wieder hergestellt. Der Stern wurde abgerissen, der neue nochmals abgedeckt und ein weiterer Davidstern verunstaltet.

Schmierereien wurden 20-mal gemeldet, in 38 Fällen wurde Antisemitismus Face-to-Face geäußert, was in Betroffenen tiefe Erschütterungen und verschiedenste Reaktionen auslöst. Eine betroffene Person arbeitete in der Betreuung für jüdische Kinder. Die dafür genutzten Räumlichkeiten befinden sich innerhalb einer jüdischen Bildungseinrichtung. Der Vorfall geschah im Zimmer für das Lehr- und Betreuungspersonal. Aus dem Kollegium wurde jemand aus Sachgründen entlassen. Als diese Person auf dem Weg nach draußen war, sagte er zu der Betroffenen: „Nachdem ich dich … kennengelernt habe, verstehe ich, warum alle Juden auf der Welt gehasst werden“. Die Enttäuschung über die Aufhebung des Arbeitsverhältnisses resultierte in einer antisemitischen Projektion. Es war deshalb ein besonders schockierendes Erlebnis für die Betroffene, weil selbst jüdische Räume nicht mehr sicher sind. Auch Menschen, die mit Personen aus der jüdischen Community zusammenarbeiten, äußern offen Antisemitismus.

RIAS Hessen wurden 21 Fälle bekannt, in denen in Schulen Personen direkt von Antisemitismus betroffen waren. Dies kann zum Wunsch eines Schulwechsels oder der Auswanderung und physischen, wie psychischen Reaktionen führen. Antisemitismus kann die Gesundheit Betroffener beeinträchtigen. Aus solchen Erfahrungen resultiert demnach ein Vertrauensverlust in den Lern- oder Arbeitsort Schule. Auch das Hinnehmen antisemitischer Vorfälle durch Betroffene wurde festgestellt, d.h. es kommt zu einer Normalisierung dieses Zustandes, weil „man eh nichts ändern kann“.

„Jüdische Schüler/-innen und Lehrer/-innen sind mit der Judenfeindschaft in all ihren Facetten konfrontiert, wie sie sich als Vorurteil, Ressentiment oder Weltbild in Stereotypen, negativen Gefühlen, Feindbildern und Legenden über Juden strukturiert und sich im Handlungsspektrum von Abwertungen, Benachteiligungen, Ausgrenzungen, Beschimpfungen, Bedrohungen und Gewalt abbildet … Während Antisemitismus von vielen mitunter engagierten Lehrkräften erst dann als Problem wahrgenommen wird, wenn es längst zu spät ist und jüdische Schüler/-innen bereits physisch angegriffen wurden, stellt er sich für jüdische Schüler/-innen als Bestandteil ihres Schulalltags und Normalität dar.“Julia Bernstein/Florian Diddens: „Man muss da schon ganz schön auf Durchzug schalten, um nichts mitzubekommen“. In: Julia Bernstein, Marc Grimm, Stefan Müller (Hg.): Schule als Spiegel der Gesellschaft. Antisemitismen erkennen und handeln Antisemitismus und Bildung, Wochenschau Verlag, Frankfurt/M. 2022, S. 71 und 79.


Antisemitismus an Hochschulen in Hessen

Gemeint sind alle Hochschulformen (Universitäten, Universities of Applied Sciences, Kunsthochschulen etc.)

An Hochschulen in Hessen gab es 2025 einen Angriff auf Menschen (2024: drei), drei Bedrohungen (2024: eine), eine Diskriminierung und 102 Fälle verletzenden Verhaltens (2024: 115), worunter auch 34 Versammlungen auf den Campi der Hochschulen zählten. Zu den 105 offline stattfindenden Vorfällen an hessischen Hochschulen sind neun Vorfälle in die qualitative Betrachtung hinzuzuziehen, die über das Medium Internet direkt Hochschulangehörige trafen und, genauso wie die nicht online geschehenen Vorfälle, Verunsicherung oder Angst bei den Betroffenen auslösten.

Beginn Sommersemester 2025: An einem Infostand einer „Students for Palestine“-Gruppe gab es Flyer, Taschen und andere Giveaways mit u.a. Intifada-Aufrufen. Ein Plakat am Stand trug die Aufschrift: „Zionism is Racism is Fascism“; ein anderes rief über Illustrationen von bluttriefenden Abbildern bestimmter Produkte zur Unterstützung der BDS-Bewegung auf.

© RIAS Hessen

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45 Vorfälle wurden dem antisemitischen Othering zugeordnet (2024: 29), 17 dem Post-Shoah-Antisemitismus (2024: 14). Letzteres waren vor allem Relativierungen und Bagatellisierungen der Shoah. Israelbezogener Antisemitismus wurde 80-mal dokumentiert (2024: 108), in 32 Fällen gab es direkte Bezüge zum 7. Oktober 2023. Zwölf Mal wurden antijudaistischer und vier Mal moderner Antisemitismus verzeichnet. Durch Verschränkungen verschiedener Erscheinungsformen kann die Gesamtzahl höher als 106 sein.
Zwei Mal wurde an Hochschulen die Shoah explizit gutgeheißen, elf Mal der Topos „Kindermörder“ verwendet, neun Mal antisemitische Gewalt legitimiert, fünf Mal antisemitischer Terror verherrlicht, drei Mal kam es zu einer abwertenden Bezeichnung im Zusammenhang mit dem Begriff Jude. Israelbezogener Antisemitismus äußerte sich u.a. in Apartheid- und Kolonialismusvorwürfen (24-mal bzw. zwölf Mal), 31-mal kam es zur Delegitimierung des Staates Israel. Neun Mal wurde die BDS-Bewegung in Hochschulen gutgeheißen.

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Grafik 4: Antisemitische Erscheinungsformen an Hochschulen im Jahr 2025.

Vortrag an einer Universität in Hessen: In einem Vortrag zur Hamas wurde diese an keinem Punkt eindeutig als Terrororganisation benannt. Die Tunnelsysteme unter Gaza, in denen israelische Geiseln festgehalten und ermordet wurden, wurden als Schmuggelzonen und als „Schutzräume gegen israelische Angriffe, und ja, auch, um Angriffe auf Israel durchzuführen“, bezeichnet. Es fiel der Satz: „Nach Änderung der Hamas-Charta will die Hamas nur die Vernichtung des Staates Israels, nicht der Bevölkerung“. Am Ende zeigte der Referent ein Bild des israelischen Präsidenten Netanjahu und des US-Präsidenten Trump, inmitten eines goldenen Interieurs, wobei mittig ein Hinterkopf mit Kippa zu sehen war; dieses antisemitische Projektionen auslösende Foto Bild blieb die ganze restliche Zeit (30 Minuten) stehen. Kritik aus dem Publikum zur Darstellung der Hamas wurde entgegnet: „Sie sprechen aus einer bestimmten ideologischen Ecke, sie machen israelische Staatspropaganda, Hasbara!“ Der 7. Oktober 2023 wurde verharmlosend als „Operation der Hamas“ bezeichnet; auch hieß es: „Die Qassam-Brigaden wollten niemanden anrühren und niemanden töten, sie haben halt nur einige Zivilisten entführt.“ (Die weltweit bekannt gewordene, ermordete, Geisel Shiri Bibas mit ihren zwei Babys im Arm wurde von diesen Brigaden verschleppt.) Der Vortrag endete mit dem Kommentar: „Ja, die Hamas, die einen sagen politische Partei, die anderen Widerstandsorganisation, andere sprechen von einer Terrororganisation. Das werden wir heute nicht klären.“ Jüdische und mit ihnen solidarisch Zuhörende waren zutiefst verstört.

14. Januar 2025, Kassel: In der Frauentoilette des Campuscenters stand groß „From the River to the Sea – Palestine will be free”, darüber „BDS”. An dem Tag wurde in diesem Gebäude die Ausstellung von RIAS Hessen zu antisemitischen Erfahrungen eröffnet. Weitere Graffiti oder Schmierereien waren nicht zu finden.

27. Januar 2025: Am Holocaust-Gedenktag fand sich in einem Universitäts-Gebäude eine Schmiererei: „Free Palestine from Zionist Occupation and Settler Colonialism then there would be no Hamas“. Zunächst hatte es nur geheißen: „Free Palestine from Hamas“. Durch die Erweiterung wurde ganz Palästina als zionistisch besetzt dargestellt und suggeriert, dass sich ohne Zionismus nie die Terrorgruppe Hamas gebildet hätte. Damit wurde nicht eine Zwei-Staaten-Lösung, sondern eine Kein-Staaten-Lösung für Israel formuliert.

Bild 2 © RIAS Hessen

27. Januar 2025 © RIAS Hessen

 

An hessischen Hochschulen gab es 27 Vorfälle, die Face-to-Face stattfanden (2024: 25): Jüdinnen und Juden, jüdisch gelesene oder solidarische Personen wurden beschimpft oder es wurde öffentlich in antisemitischer Weise abwertend über sie gesprochen. Plakate und Flyer wurden sechs Mal gemeldet (2024: elf); es gab elf Vorfälle mit antisemitischen Aufklebern (2024: 14) und zudem wurden 19 antisemitische Schmierereien (2024: 15) gemeldet.

21.März 2025: Neben einem Eingang eines Universitäts-Gebäudes fand sich der Schriftzug „Scheiß Juden“ und daneben ein Hakenkreuz.

6. April 2025: Auf dem Gelände einer Universität wurden mehrere Mülleimer mit jeweils der Aufschrift „Scheiß Juden“ und einem Hakenkreuz beschmiert.

Bild 3 © RIAS Hessen

Mai 2025 © RIAS Hessen

 

Ab dem 12. Mai 2025 fanden sich Schmierereien „Zios töten“ im Umfeld oder auf dem Gelände einer Universität.

Mai 2025: Die meldende Person kam mit einem kleinen Anstecker der gelben Solidaritätsschleife für die israelischen Geiseln in ein Universitätsgebäude, jemand ging vorbei, sagte: „Gelbe Schleife, gelbe Scheiße“.

Mai 2025: Fast alle Plakate einer Musikveranstaltung, veranstaltet u.a. vom Verband jüdischer Studierender Hessen, wurden auf einem Campus abgerissen oder übermalt. Plakate für andere Veranstaltungen blieben unversehrt.

 Juli 2025: An einer Kunsthochschule wurde an eine Tür ein rotes Dreieck gesprüht und zusätzlich verschiedene Parolen. Neben „Free Palestine“ und „Resist“ fand sich „Fuck Israel settler colonialism“. Jüdische Studierende fühlten sich bedroht. An einer Kunsthochschule in einer anderen Stadt entdeckten jüdische Studierende an einer Toilettentür folgende Parolen: „Yallah Intifada!“ „Zionisten sind Faschisten, Kindermörder & Rassisten“.


Bild 4 © RIAS Hessen

Oktober 2025, Frankfurt am Main © RIAS Hessen

Oktober 2025: Ein Student zog in sein Studierendenwohnheim und bemerkte in der Gemeinschaftsküche ein Plakat: „Draw yourself“. Beim Essen sah sich die Person das Plakat genauer an und entdeckte, dass dort stand: „Vernichtet die Juden *Hakenkreuz*“. Von dort war ein Pfeil in eine Ecke gezeichnet worden, wo, in demselben Stift und Strich, eine Fratze und „271 k“ zu sehen ist.„271 k“ ist eine Chiffre der Shoah-Leugnung. Es wird behauptet, es seien „nur“ 271.000 Jüdinnen und Juden in der Shoah ermordet worden. Als Quelle werden u.a. die Arolsen Archives angegeben. Das dazugehörige Dokument stammt vom Sonderstandesamt in Bad Arolsen und benennt die auf Antrag ausgestellten Sterbeurkunden für in KZ ermordete Menschen. In den Zahlen nicht enthalten sind u.a. die Millionen Jüdinnen und Juden, die unregistriert in Vernichtungslagern oder in Massenerschießungen ermordet wurden. Durch diese fehlende historische Einordnung wird das Schreiben als „Beleg“ für diese Zahl angesehen.
Die meldende Person ist deutscher Sinto und hat sich von dem Vorfall beeinträchtigt gefühlt, denn er ist zum einen mit jüdischen Studierenden befreundet und zudem wird auch der NS-Genozid an seiner Community immer wieder geleugnet. Er schrieb RIAS Hessen: „Zu wissen, dass es sich dabei nicht nur um eine schlimme ‚Kritzelei‘ handelte, sondern um tatsächlichen Hass, vermischt mit Verschwörungsideologien, hat bei mir ein dauerhaftes Gefühl des Unbehagens im Wohnheim ausgelöst.“


Bild 5 © RIAS Hessen

November 2025 © RIAS Hessen

November 2025: Im Fachschaftsraum einer gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät wurde ein Graffiti antisemitisch verändert. Es zeigte als Religionen und Menschen verbindendes Symbol einen Halbmond, ein Kreuz und einen Davidstern, zudem gab es einen Verweis auf diesen Raum als „antifaschistische“ Zone mit der Zahl „161“. Es wurde ausschließlich  der Davidstern mit Aufklebern überstickert: „Stop funding Genocide“ und „Stop Genocide, Boycott Israel“.
Nachdem ein jüdischer Studierender dies öffentlich gemacht hatte, wurden die antisemitischen Sticker stillschweigend entfernt. Verständnis für den jüdischen Studierenden oder ein kritischer und offener Umgang mit Antisemitismus blieben aus. Der Verband jüdischer Studierender Hessen (VJSH) besprach den Vorfall öffentlich auf Instagram. Es ging um das Verschweigen des antisemitischen Vorfalls durch die Fachschaft, das Unsichtbarmachen jüdischer Perspektiven sowie den nicht das erste Mal in dieser Umgebung erlebten Antizionismus.

Dezember 2025: Auf einer Kundgebung vor einem Universitätsgebäude wurde gegen eine Veranstaltung einer israelsolidarischen Gruppe agitiert und die Parolen „From the River to the Sea, Palestine will be free” und „Zionisten sind Faschisten, töten Kinder und Zivilisten“ gerufen; die Polizei untersagte letzteres. Zwei Personen, die zu einem Lied, das antiisraelischen Antisemitismus verbreitet, getanzt hatten, sagten zudem: „Jaja 271000“ (Vgl. Anmerkung zum Fall vom Oktober 2025). In einer Rede hieß es: „Wir machen das zum dritten Mal in der deutschen Geschichte, Namibia, Holocaust, jetzt Gaza.“ Auch wurde die Beauftragte gegen Antisemitismus der Universität erwähnt und ihr unterstellt, sie bezeichne jeden als Antisemiten. Unmittelbar danach wurde gerufen: „Tod dem Zionismus!“

2025 gab es einen leichten Rückgang antisemitischer Vorfälle an Hochschulen in Hessen um rund zehn Prozent. Hierbei kamen verschiedene Faktoren zusammen: Einige Präsidien und Hochschulangehörige schritten offen gegen Antisemitismus ein. Es wurden flächendeckend Beauftragte gegen Antisemitismus ernannt. Hochschulpersonal und Gremien erhielten antisemitismuskritische Angebote zur Sensibilisierung. Hochschulen suchten Kontakt zum Netzwerk jüdischer Hochschullehrender und dem Verband jüdischer Studierender Hessen.
Auch war eine quantitative Abnahme von Versammlungen auf den Campi und das Wegfallen mehrtägiger Encampments, wie sie noch 2024 stattgefunden hatten, festzustellen. Dies hatte 2024 noch zu etlichen Vorfällen geführt. Manche Versammlung mit klar antisemitischer Konnotation wurde an einer Hochschule eventuell nicht mehr erlaubt oder es wurde eingeschritten. Infolge des an Hochschulen seit dem 7. Oktober 2023 so offen geäußerten Antisemitismus gab es vermehrt antisemitismuskritische Angebote wie bspw. die Woche gegen Antisemitismus an der University of Applied Sciences in Frankfurt im November 2025. Das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur hatte für solche Angebote den Hochschulen Mittel bereitgestellt.

Dies alles bedeutet aber nicht, dass die seit dem 7. Oktober 2023 so sichtbare antisemitische Welle gebrochen wurde oder dass Hochschulen nunmehr wieder antisemitismusfreie oder sichere Räume für jüdische Personen wären. Manches, was 2024 noch auf den Campi geschah, wurde in Form von Mahnwachen oder anderen Versammlungsformen auf den Straßen fortgesetzt. Antiisraelische („propalästinensische“) Gruppen traten in- und außerhalb der Campi vehement und teils radikal auf, auch wenn die Teilnehmendenzahl quantitativ zurückging.

Antisemitische Narrative zu Israel und dem jüdischen Kollektiv werden an Hochschulen weiterhin reproduziert. Studierende wie Hochschulangehörige wurden aus verschiedenen Milieus, aus dem antiisraelischen wie aus dem rechtsextremen, direkt bedroht. Manches davon wurde medial aufgegriffenEin Beispiel: https://www.hessenschau.de/gesellschaft/anti-israel-protest-goethe-uni-frankfurt-droht-studierenden-mit-hausverbot-v1,anti-israel-protest-goethe-uni-100.html. , manches blieb aufgrund des Schutzes für die Betroffenen unbekannt.
An hessischen Hochschulen waren im Jahr 2025 insgesamt 26 Personen direkt von antisemitischen Ereignissen betroffen.

„Ich möchte Sie anregen, … darüber nachzudenken, ob nicht der Perspektive der Betroffenen eine besondere Bedeutung beizumessen ist. … Subjektivität mag zwar geprägt sein, von persönlichen Erfahrungen, der eigenen Geschichte, Erlebnissen, des familiären Hintergrundes, des Bildungsgrades und vielleicht auch durch persönliche Sensibilitäten. Aber liegt darin nicht gerade die Stärke? Denn Antisemitismus ist nun mal kein rein wissenschaftliches oder gesellschaftliches Phänomen – es ist vor allem persönliche Erfahrung.
Dabei sind die Betroffenen nicht qua Identität Sachverständige oder Fachleute, aber es sind sie, die ganz persönlich betroffen, eingeschränkt sind, ihnen macht es Angst“.Marc Grünbaum, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main K.d.ö.R., am 19. Februar 2026 anlässlich der Eröffnung der RIAS-Ausstellung „Ja, DAS ist Antisemitismus!“ im Haus am Dom in Frankfurt.


Andere Bildungseinrichtungen

Es kam an drei Kitas zu antisemitischen Vorfällen, außerdem in einer Volkshochschule (VHS) und an zehn anderen Einrichtungen, z.B. Jugendzentren. Das sind jedoch nur die Vorfälle, die RIAS Hessen bekannt geworden sind.

Im ersten Vierteljahr 2025 bot eine Einrichtung eine Veranstaltung zur Nachbetrachtung der documenta fifteen von 2022 an. Seinerzeit waren in Kassel zahlreiche antisemitische Werke ausgestellt worden, außerdem war es im Rahmen der documenta fifteen zu 38 antisemitischen Vorfällen gekommen.https://rias-hessen.de/wp-content/uploads/2023/02/documentafifteen_Antisemitismus_fin.pdf; https://rias-hessen.de/wp-content/uploads/2023/05/rias_brosch_monitoring_web.pdf.

Während des Vortrags wurden antisemitische Darstellungen u.a. aus dem Werk „People’s Justice“ noch einmal bagatellisiert. Die mit Vampirzähnen und Schläfenlocken versehene antisemitische Figur wurde als „Bankerjude“ bezeichnet; die SS-Runen auf dem Hut seien „Kritik am amerikanischen Finanzkapital“. Als es um die documenta 2027 ging, wurde suggeriert, dass von dem Skandal 2022 „bestimmte Vertreter der Kunstindustrie“ profitierten, u.a. das (jüdische) Guggenheim Museum. Aus dem Publikum wurde auf den antisemitischen Gehalt mancher Aussagen hingewiesen. Daraufhin wurde erwidert, dass die jüdische Lobby in den USA „doch einfach Fakt“ sei. Abschließend wurden Karikaturen gezeigt, die teilweise antisemitisch waren (physiognomische Überzeichnungen von jüdischen Personen etc.). Dadurch kam es erneut zu von Lachen begleiteter Antisemitismusleugnung.

September 2025: In der Stadtbibliothek Frankfurt am Main war das neueste Exemplar der Zeitung „Jüdische Allgemeine“ längs bis auf 2/3 zerrissen. Alle anderen Zeitungen waren intakt.

Politische Hintergründe

Die politische Zuordnung antisemitischer Vorfälle an Schulen und Hochschulen ist nicht immer eindeutig vorzunehmen. Hakenkreuze und andere nationalsozialistische Symbole, die in Verbindung mit Davidsternen geschmiert werden, können auf eine rechtsradikale oder rechtspopulistische Ablehnung jüdischer Personen bzw. des Jüdischen generell hinweisen, aber auch die Gleichsetzung Israels mit dem Nationalsozialismus bedeuten (Dämonisierung Israels und Täter-Opfer-Umkehr). Gesicherte Zuordnungen basieren vor allem auf Logos, Eigenbezeichnungen und der eigenen Zuordnung von bspw. in Hochschulen agierenden Gruppen.

In Schulen gab es 20 Vorfälle mit rechtsextremem Bezug; an Hochschulen wurde 2025 fünfmal dieser Hintergrund deutlich. Antiisraelischer Aktivismus bildete bei 48 Vorfällen den Bezug an Hochschulen, in Schulen konnte dies nur bei einem Vorfall klar benannt werden. Linke Ideologien bestimmten an Hochschulen bei fünf Vorfällen den Hintergrund, an Schulen zwei Mal. Die politische Mitte konnte an Hochschulen 12-mal zugeordnet werden, an Schulen einmal. Ebenfalls einmal war in einem schulischen Vorfall Islamismus festzustellen. Insgesamt rund 46 Prozent der Vorfälle an Bildungseinrichtungen ließen sich keiner eindeutigen politischen Richtung zuordnen. Antisemitismus dient auch dort als Anschlussideologie für diverse politische und gesellschaftliche Milieus.