Jahresbericht RIAS Hessen 2025

Grußwort Zusammen1

„Schiri hat‘s nicht gehört“

In unserer pädagogischen Arbeit mit Sportgruppen erarbeiten wir bei Zusammen1, der Bildungsabteilung von MAKKABI Deutschland, konkrete Handlungsoptionen für Spieler*innen, Trainer*innen, Eltern oder auch Fans, wenn sie selbst von antisemitischen Vorfällen betroffen sind oder diese miterleben. Hierbei diskutieren wir auch Dilemmasituationen: Wie verhält sich ein Team, das kurz vor Abpfiff knapp führt und antisemitisch angefeindet wird, ohne dass der oder die Schiedsrichter*in es mitbekommen hat? Verlassen die Spieler*innen den Platz, um Zusammenhalt zu demonstrieren und ein klares Zeichen zu senden, riskieren hiermit aber, die drei Punkte am „Grünen Tisch“ zu verlieren? Oder setzen sie das Spiel fort, um das gegnerische Team sportlich zu besiegen, lassen damit aber die antisemitische Anfeindung zunächst stehen? Zwar sind im Fußball die Abläufe bei Diskriminierungsvorfällen in der Theorie klar beschrieben, ihre Umsetzung in der Praxis gelingt jedoch viel zu selten.

Dies ist umso gravierender, da für viele Makkabi-Sportler*innen Antisemitismus zum sportlichen Alltag gehört: In der Zusammen1-Studie „Zwischen Akzeptanz und Anfeindung. Antisemitismuserfahrungen jüdischer Sportvereine in Deutschland“ (2021) geben zwei von drei Fußballer*innen bei Makkabi an, dass sie schon mindestens einmal von einem antisemitischen Vorfall betroffen waren. Die dramatische Zunahme antisemitischer Vorfälle seit dem 7. Oktober 2023 hat die Situation auch im Sport verschärft, was sich in einer Folge-Befragung aus dem Jahr 2025 widerspiegelt, deren Ergebnisse 2026 veröffentlicht werden: Demnach hat sich das Sicherheitsempfinden von Makkabi-Sportler*innen im Vergleich zu 2021 deutlich verschlechtert. Die Ergebnisse der Studie bringen auch zum Ausdruck, dass das Vertrauen in die wirksame Bekämpfung von Antisemitismus durch Sportverbände abgenommen hat.

Dieses mangelnde Vertrauen ist einer der Gründe, weshalb viele Sportler*innen Vorfälle gar nicht erst melden. Hinzu kommt, dass Meldemöglichkeiten im Sport noch zu unbekannt oder gar nicht existent sind. Um dem entgegenzuwirken, haben wir 2023 gemeinsam mit dem Bundesverband RIAS einen Meldebutton für antisemitische Vorfälle im Sport entwickelt. Dies war ein wichtiger Schritt, der zeigt, was starke Bündnisse bewirken können und zugleich ein Auftrag, Meldeketten weiter auszubauen und das Vertrauen zu stärken, damit antisemitische Vorfälle im Sport häufiger gemeldet werden.

Die von RIAS Hessen 2025 dokumentierten Vorfälle machen deutlich, in welch unterschiedlichen Formen sich Antisemitismus im Sport äußert: Sie reichen von Anfeindungen wie „Drecksjude“, die sowohl auf dem Platz als auch online auf Social Media oder in Hass-Mails artikuliert werden, über die Forderung, Spiele gegen Makkabi zu boykottieren bis hin zum Vereinsvorstand, der ein Makkabi-Jugendteam vom Turnier auslädt, weil man sich entschieden habe, „Makkabi nicht mehr dabei haben zu wollen“. Antisemitische Anfeindungen betreffen nicht nur den jüdischen Verein Makkabi. Wie auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen ist potenziell all das, was jüdisch eingelesen wird, antisemitischer Gewalt ausgesetzt. So wissen wir, dass auch andere Vereine mit Worten wie „Ihr seid doch nur ein Haufen scheiß Juden!“ oder „Palästina wird eure Kinder töten“ zur Zielscheibe antisemitischer Attacken wurden. Dies unterstreicht einmal mehr, dass Antisemitismus ein Angriff auf alle ist, die für die Demokratie und Menschenrechte einstehen.

Unser Engagement

Mit Zusammen1 und MAKKABI Deutschland wollen wir jüdisches Leben sichtbar machen und dem Hass entgegenwirken. Im März 2025 organisierten wir den hessenweiten Aktionsspieltag zur Schnürsenkel-Kampagne gegen Antisemitismus im Sport. Fußballer*innen aus ganz Hessen waren dazu eingeladen, orangene Schnürsenkel zu tragen, auf denen in acht verschiedenen Sprachen der Slogan „In den Farben getrennt. In der Haltung vereint. Gemeinsam gegen Antisemitismus.“ zu lesen war. Die Kampagne erreichte rund 800 Vereine des Fair Play Hessen Netzwerks, Höhepunkt war das Hessenliga-Topspiel zwischen Rot-Weiß Walldorf und der U21 des SV Darmstadt 98, deren Spieler mit den Schnürsenkeln aufliefen und der Kampagne somit zu noch mehr Sichtbarkeit verhalfen.

Die bundesweit erfolgreiche Arbeit unserer Bildungsabteilung Zusammen1 können wir seit Juli 2025 im Bundesland Hessen dank einer Förderung durch das Landesprogramm „Hessen – aktiv für Demokratie und gegen Extremismus“ weiter intensivieren. Hier adressieren wir gezielt junge Sportler*innen in der Region, um diese für die verschiedenen Erscheinungsformen des Antisemitismus im Sport zu sensibilisieren und sie für den Umgang mit antisemitischen Vorfällen zu stärken. Die Verstetigung unserer Bildungsarbeit in Hessen geht Hand in Hand mit der herausragenden Entwicklung von TuS Makkabi Frankfurt, dem größten jüdischen Sportverein Deutschlands. Mit seinen inzwischen rund 5.500 Mitgliedern ist der Verein hessenweit bekannt. Die gerade entstehende Makkabi-Sportanlage am „Ginnheimer Spargel“ wird den jüdischen Sport und damit auch das jüdische Leben in der Frankfurter Stadtgesellschaft noch sichtbarer machen. Sie wird zudem ein Bildungszentrum beherbergen und macht damit den Ansatz von Zusammen1, Sport und politische Bildung zu verknüpfen, konkret erfahrbar.

Verstecken ist keine Option

Jüdisches Leben in Hessen muss sichtbar bleiben. Dazu gehört auch, Antisemitismus zu ächten. Der vorliegende Bericht für 2025 unterstreicht auf eindrückliche und traurige Weise, dass sich der Kampf gegen Antisemitismus nicht wegdelegieren lässt an „Schiris“ oder Regelhüter*innen, die es in den meisten Alltagssituationen ohnehin nicht gibt. Und selbst wenn, müssen wir – wie in der eingangs beschriebenen Dilemmasituation – damit rechnen, dass sie den Vorfall nicht mitbekommen oder gar bewusst überhören. Antisemitismus entgegenzutreten bleibt eine Aufgabe für uns alle.

Mortimer Berger
(Zusammen1 – Bildungsabteilung von MAKKABI Deutschland e.V.)