Jahresbericht RIAS Hessen
Jüdischer Alltag und jüdisches Leben Haltung entwickelt sich aus Wissen und Handlung Oliver Dainow
Inhalt
Rede anlässlich des Gedenkens zur Reichspogromnacht 1938 in Hanau
Als am Donnerstag, dem 6. November 2025, das neue Denkmal an die Hanauer Judengasse eingeweiht wurdeRIAS Hessen hat sich entschieden, die Rede vom 10. November 2025 von Oliver Dainow, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Hanau, zu dokumentieren, weil sie die Situation seit dem 7. Oktober 2023 zusammenfasst und reflektiert. https://www.juedische-allgemeine.de/unsere-woche/greifbare-geschichte/ (letzter Zugriff: 2.2.2026) und der Vorsitzende des Landesverbandes hier gesprochen hat, da waren wir uns, wie das für zwei Juden vielleicht normal ist, nicht immer ganz einig, welchen Tonfall der Beitrag von jüdischer Seite haben könnte.
Ich bin froh, dass Daniel Neumann das gesagt hat, was er gesagt hat, als er vom „eisigen Schweigen der Zivilgesellschaft“ nach dem 7. Oktober 2023 sprach. Ich finde es wichtig, dass man es auch mal von anderen Repräsentanten hört als nur von der Jüdischen Gemeinde hier vor Ort.
Und da merken Sie vielleicht auch schon, in welche Richtung sich mein Beitrag heute Nachmittag bewegt. Ich weiß, dass gleich die Stadtverordnetenversammlung beginnt – aber, und das ist nicht despektierlich gemeint, das hier ist auch wichtig. Das ist vielleicht wichtiger als es je zuvor war.
Es ist mir nämlich noch nie so schwergefallen, gleichzeitig aber auch noch nie so leichtgefallen, meine Gedanken am 10. November zu teilen. Das mag jetzt wie ein Wiederspruch klingen, der sich schwer auflösen lässt. Aber es ist die Realität.
Es ist mir deshalb so schwer gefallen etwas zu formulieren, weil ich schon gar nicht mehr weiß, was man noch wie formulieren soll. Was man eigentlich noch sagen soll, damit sich etwas verändert. Damit die Worte nicht nur Worte bleiben, sondern die Worte endlich auch ins Handeln übersetzt werden. Versucht haben wir, also die Jüdische Gemeinschaft, in den vergangenen Jahren so ziemlich alles. Und deshalb fällt es mir im Umkehrschluss aber auch so leicht, mir das von der Seele zu reden, was da schon so lange brennt und was sich da angestaut hat.
Ich habe in den letzten Jahren gesprochen über die Entwicklungen in der Welt, in Europa und in Deutschland. Ich habe ganz nah über Hessen und Hanau gesprochen. Ich habe mich zum ersten Mal ansatzweise geöffnet, habe sehr persönlich über das Schicksal meiner Großeltern und meine daraus resultierende Verantwortung gesprochen. Ich habe über den 7. Oktober 2023 und dessen Auswirkungen gesprochen; ich habe im letzten Jahr sogar den Spagat gewagt, über die Nachwirkungen des 7. Oktober und meine persönliche Geschichte zu berichten. Heute stehe ich hier und ich frage mich: Wofür? Wofür habe ich so persönliche Einblicke gegeben? Wofür habe ich mich gleichzeitig auch so verletzlich gemacht? Wofür habe ich das eigentlich getan?
Und da sagt der harmoniebedürftige Teil in mir, den gibt es natürlich auch, und der ist sogar ziemlich ausgeprägt: Ich weiß doch, dass es einige zum Nachdenken gebracht hat, ich weiß doch, auch aus den persönlichen Gesprächen mit Ihnen, dass einige das zum Anlass genommen haben, etwas zu tun. Den Mund aufzumachen. Sich zu engagieren. Aber wenn man es mal subsumiert, und das muss man nach zwei Jahren einfach tun, dann ist der Ertrag doch insgesamt ziemlich gering ausgefallen. Eigentlich ist er kaum spürbar. Wir haben jetzt die letzten zwei Tage wieder viel gelesen. Wir haben viel gesehen. Wir haben viele Stimmen gehört. Mahnende Stimmen. Stimmen, die entschieden gegen Antisemitismus eintreten. Die betonen, dass „Nie Wieder“ tatsächlich „Nie Wieder“ heißen darf. Jetzt aber wirklich. Nicht wie im Jahr 2023. Nicht wie im Jahr 2024. Jetzt heißt es wirklich „NIE WIEDER“. Denn wir haben ja eine Verantwortung. Und der Verantwortung sind wir uns alle bewusst.
Besonders bewusst, da ist sie uns am 9. und am 10. November. Und am 27. Januar. Vielleicht auch noch am 8. Mai. Dann zumindest sprechen wir das auch so deutlich aus.
Außerhalb dieser Daten, da wird es nicht mehr ganz so deutlich. Da muss man schon mal kontextualisieren. Genauer hinschauen. Da muss man auch mal was „hinnehmen können“, da muss man vielleicht auch mal Fünfe gerade sein lassen. Um dann an den Tagen, an denen uns die Verantwortung so bewusst ist, überrascht zu sein, wo dieser Hass auf Juden eigentlich wieder herkommt. Und man merkt in der Formulierung dieses Satzes noch nicht einmal den logischen Trugschluss, den man gerade ausgesprochen hat: Wo er wieder herkommt. Und welche Haltung an den übrigen 360 Tagen vielleicht dazu geführt haben könnte, dass er solche Formen angenommen hat.
Als sei der Hass irgendwann mal weg gewesen. Als hätte es irgendwo auf der Welt, irgendwo auch bei uns mal einen Moment in der Zeitrechnung gegeben, an dem Juden nicht Projektionsfläche gewesen wären.
Sich das einzugestehen ist schwer. Weil es weh tut. Weil es Menschen gibt, wie Sie, die heute hier sind, aber auch Menschen, die heute vielleicht nicht hier sein können, etwas dafür getan haben und auch etwas dafür tun, um das nicht zuzulassen.
Und wenn ich jetzt so direkt hier neben diesem Denkmal stehe, da blutet mir auch ein bisschen das Herz. Wenn man sich überlegt, wie diese jüdischen Menschen in diesen Lebensbedingungen, in diesen engen Gassen schon vor über 400 Jahren den Grundstein für eine Synagoge gelegt haben, die heute vor 87 Jahren niedergebrannt wurde. Weil sie ein jüdisches G’tteshaus war. Weil sie Juden beherbergte und weil sie Juden gehörte.
Wir haben in diesem Jahr das 20-jährige Jubiläum der Jüdischen Gemeinde gefeiert. Es ist ein Jubiläum, dass eigentlich vor zwei Jahren das 420-jährige Jubiläum der Jüdischen Gemeinde hätte sein müssen. Die jüdische Geschichte hier bei uns hat diese Kontinuität aber leider nicht.
Das hat uns vom Feiern aber nicht abgehalten. Das können wir ja trotzdem ganz gut. Aber glauben Sie bitte nicht, dass da nicht auch eine gewisse Trauer mitschwingt. Mit dem Gedanken an das, was war. Aber auch das ist Teil der Realität, der wir nun mal ins Auge sehen müssen.
Der 9. November, die Pogromnacht, das war nicht der Anfang. Sie kam nicht plötzlich. Juden wurden schon davor systematisch aus dem öffentlichen Leben verdrängt. Jüdisches Leben wurden boykottiert. Juden wurden durch Propaganda immer wieder entmenschlicht. Überall und in allen Bereichen.
Schauen wir uns doch mal die wissenschaftlichen Räume an. Wenn eine Gruppe von Studierenden sprachlich, teilweise sogar visuell markiert wird. Wenn dazu aufgerufen wird, eine Gruppe von Menschen systematisch auszuschließen. Wenn sie delegitimiert werden, wenn ihre Stimmen verstummen sollen und wenn man sie in letzter Instanz sogar körperlich davon abhält, eine Hochschule zu besuchen. Und ich habe jetzt nicht von der deutschen Studierendenschaft 1933 gesprochen. Ich habe auch nicht von „Wider den undeutschen Geist“, von 1933 gesprochen. Ich habe von alldem gesprochen, was seit dem 7. Oktober 2023 auch hier bei uns an den Hochschulen passiert ist. Da lesen wir dann „Studentischer Widerstand gegen den Zionismus“, Stoppt den Zionismus“ oder „Wir unterstützen den Aufstand gegen Zionisten“. Dort, wo es anonymer geht, also in Schmierereien oder in Onlinebeiträgen, wird auch explizit zur Gewalt gegen Juden aufgerufen. Und in letzter Instanz wird das auch umgesetzt.
Ich will an der Stelle etwas ganz deutlich sagen, weil das wichtig ist: Ich stelle hier keine historische Analogie zwischen der Shoah und heute her. Diese Quervergleiche und Relativierungen, die andere in den letzten zwei Jahren versucht haben zu konstruieren, das mache ich nicht. Aber was ich gesagt habe, entlarvt und offenbart das zugrundeliegende System dahinter.
Es ist die gleiche Systematik, die immer wieder Anwendung findet. Die Chiffren, die sprachliche Verschiebung, wiederkehrende Muster, das ist nichts Neues. Das ist alter Wein in neuen Schläuchen. Das ist nicht einmal besonders kreativ. Wir haben das schon zig Mal erlebt. Oder anders gesagt: Der Judenhass ist zwar anpassungsfähig, er ist resistent, er mutiert, aber eins ist er nicht – er ist nicht besonders originell. Und trotzdem findet er Anknüpfungspunkte, trotzdem tun wir uns so schwer damit einzugestehen, wenn etwas antisemitisch ist. Vor allem, wenn es um Israel geht.
Wilhelm Marr war ja auch kein Antijudaist. Er lebte eben zu einer Zeit, in der vorrangig ein religiös geprägter Judenhass gepflegt wurde. Antijudaist war Marr nicht. Er war viel schlimmer. Er hat eine neue Propaganda geschaffen, etwas, was sich mit den Werten und mit dem Zeitgeist damals gut verbinden ließ. Er hat verstanden, dass es in einer sich wandelnden Gesellschaft, in einer nicht mehr so religiösen Gesellschaft, eine bürgernähere Erzählung über den Juden braucht. Die von der Mitte mitgetragen werden kann. Und er hat sie geschaffen. Wilhelm Marr hat den Begriff des Antisemitismus erfunden und geprägt. Er hat die Blaupause für das aufgesetzt, was wir noch heute beobachten. Marr hat trotz seiner tief judenfeindlichen Hasstiraden immer wieder betont, dass seine Kritik am Juden lediglich eine zwangsläufige Reaktion auf das Verhalten der Juden sei. Mit Vorurteilen habe das nichts zu tun. Würden Juden sich anders verhalten, dann müsse man ihnen gegenüber ja nicht so sein.
Das hat man in den letzten zwei Jahren auch oft gehört. Würde Israel nicht. Hätte Israel nicht, dann … als ob der Judenhass sich wegen Israel legitimieren lassen würde. Als ob aufgrund politischer Entscheidungen, die nicht einmal von der Mehrheit dort getragen werden, Hass auf Juden in der Welt gerechtfertigt wäre. Ich übersetze, ganz frei nach Marr: Würde sich Israel anders verhalten, dann müsse man Juden gegenüber ja nicht so sein. Dass der Judenhass nicht wegen Israel existiert, sondern Israel zwar nicht nur, aber auch wegen des Hasses auf Juden – geschenkt.
Wir haben viel in Bildung investiert, wir haben viel in Erinnerungskultur investiert. Wir haben aus der Geschichte gelernt. Aber welche Schlüsse haben wir daraus gezogen? Ich weiß, dass es weh tut, sich diese Frage zu stellen. Ich weiß, dass das mehr als unangenehm ist, weil man sich dann auch kritisch mit sich selbst auseinandersetzen muss.
Wir haben doch fast 120.000 Stolpersteine in Europa verlegt. Und wir gehen doch jedes Jahr am 9. November zu Gedenkveranstaltungen und wir beschäftigen uns doch mit der Geschichte und in der Schule lernen wir doch auch über das dunkelste Kapitel unseres Landes. Und wenn es Juden mal wieder schlecht geht, dann kümmern wir uns doch auch um dieses Gedenken.
Aber wenn wir schon bei unangenehmen Fragen sind, die vielleicht auch weh tun: Was ist mit den Lebenden? Was ist mit unseren Schülern, die in der Schule nicht als Juden erkennbar sind oder, wenn sie es sind, ausgegrenzt werden? Was ist mit unseren Studierenden, wenn sie sich auf dem Campus nicht mehr sicher fühlen, wenn sie aus der Hochschule verdrängt werden, wenn sie die Hochschule verlassen? Was hilft es ihnen, wenn die Stolpersteine glänzen?
Das klingt hart. Und das klingt vielleicht auch härter, als es klingen soll. Das klingt auch wieder unangenehm. Und glauben Sie mir bitte, es fühlt sich noch viel unangenehmer an, das auch auszusprechen. Und deshalb will ich eins auch ganz deutlich machen: Das alles bedeutet nicht, dass Erinnerungskultur nicht wichtig ist, es bedeutet nicht, dass der Einsatz jeder und jedes Einzelnen im Gedenken, in der Aufarbeitung, im Engagement nicht hochgeschätzt wäre. Ganz im Gegenteil.
Aber vielleicht können Sie das unangenehme Gefühl, das bei solchen Worten entsteht, ja nachvollziehen. Vielleicht ist es aber auch zu abstrakt. Also hole ich es genau hierher. Zu uns. Nach Hanau. Dahin, wo wir vor sechs Monaten das große Jubiläum gefeiert haben, wo der Fokus auf jüdisches Leben so groß war wie lange nicht mehr. Wo wir als Gemeinde, aber da spreche ich auch ganz persönlich für mich, ganz viel Freude und Zusammenhalt gespürt haben, wo man auch so viel Hoffnung mitnimmt. Obwohl man weiß, wie schwer die Zeiten sind. Aber das gibt Aufschub, es verdrängt mal die dunklen Wolken und es gibt vor allem Kraft weiterzumachen.
Keine zwei Monate später fand in Hanau zum zweiten Mal eine Demonstration „Gegen den Genozid in Gaza statt“. Es ist keine neue Demonstration, es ist der gleiche Organisator, der mit seinen Anhängern durch Hessen zieht. Man weiß also sehr genau, welche Inhalte, welcher Aktivismus dort transportiert wird.
Die Demo ist an einem Samstag. Ein Schabbat. Eigentlich findet an diesem Wochenende G’ttesdienst statt. Und die Gemeinde muss jetzt anfangen abzuwägen: Was macht man? Wir wissen nicht, wer zur Demo kommt, wir wissen nicht, was passieren wird. Der Demonstrationszug ist nicht so weit entfernt von der Gemeinde. Nun ist nicht jede Pro-Palästina-Demonstration per se antisemitisch, gleichzeitig gab es aber kaum eine Demonstration, in der es in der Nachbetrachtung keinen Antisemitismus gegeben hätte. Während also am 21. Juni 2025 knapp 1.000 Menschen zu rhythmisch trommelnden Klängen die alte Kindermörderlegende, jetzt gegen Israel, auferstehen lassen, da bleibt die Synagoge an diesem Tag leer.
Während Menschen durch Hanau ziehen, dabei lachend Schilder in den Händen haltend, auf denen die israelische Flagge durchgestrichen ist, geben wir über unsere internen Kanäle Vorsichtsmeldungen an die Mitglieder heraus. Dass sie die Demonstrationsroute weitestgehend meiden sollten. Dass sie lieber aufpassen sollten. Vorsichtig sein sollen. Vielleicht sollten sie besser nicht in ihrer Stadt zu gewissen Zeiten unterwegs sein.
Während der Nahostkonflikt hier also um eine religiöse Dimension erweitert wird, weil er auch von Religionsgemeinschaften hier vor Ort mitgetragen wird und gleichzeitig nicht einem einzigen notleidenden Menschen in Gaza dabei geholfen wird, bleibt das jüdische Gemeindezentrum in Hanau an diesem Tag geschlossen.
Und während die Demonstration inhaltlich an mehreren Stellen Maßstäbe erfüllt, die klar als judenfeindlich verstanden werden müssen, wird im Nachgang von einer „friedlichen Demonstration“ gesprochen. Da geht schon eine ganz gehörige Portion Kraft verloren. Da ist der Akku, der auf der Jubiläumsfeier aufgeladen wurde, sehr schnell aufgebraucht.
Und wenn das jetzt immer noch zu abstrakt war, weil es ja auch um Israel geht, dann mache ich es jetzt ganz deutlich und ganz eindeutig: Wir haben die Videos vom Jubiläum auf unserem YouTube Kanal hochgeladen. Die Kommentare, die wir unter den Videos erhalten, die erspare ich Ihnen jetzt. Das ist ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wenn man aber die Bilder so sieht, und dann zurückdenkt, wie wir mit der Thorarolle am Abend auf die Straße sind. Wie getanzt wurde. Wie gesungen wurde – und an der gleichen Stelle ist fünf Monate später unser Rabbiner an Jom Kippur, am höchsten jüdischen Feiertag, auf dem Weg zur Synagoge. Zu Fuß. An gleicher Stelle also, wo wir vor fünf Monaten noch so freudig getanzt haben und jüdisches Leben gefeiert haben, da hält ein Fahrzeug neben dem Rabbiner. Das Fenster geht runter. Der Arm wird aus dem Fenster gestreckt. Die Hand wird zu einer Pistole geformt, auf den Rabbiner gerichtet und „abgedrückt“. Anschließend wird noch etwas Unverständliches gerufen und weitergefahren. Ich kann mir viele schöne Dinge vorstellen. Ich kann mir auch viele nicht so schöne Dinge vorstellen. Man erlebt sie ja immer wieder. Aber das Gefühl, das es in mir auslöst, am höchsten jüdischen Feiertag, während in der Synagoge gebetet wird, den Staatsschutz im Büro sitzen zu haben, dieses Gefühl, das kann ich hier gar nicht so formulieren, als dass es dem Rahmen unangemessen wäre. Auch das erspare ich ihnen jetzt. Das ist Realität Bei uns. Die Realität jüdischer Lebenswelten.
Eine Realität, die gedeihen konnte, weil wir vieles zugelassen haben. Weil wir bei dem Versuch, vieles unter Meinungsfreiheit summieren zu wollen, nicht eingeschritten sind. Weil wir keine klaren Grenzen gesetzt haben. Weil wir dem Narrativ zum Opfer gefallen sind, die Entwicklungen der letzten zwei Jahre hätten ihre Begründung auch im Nahostkonflikt. Hatten sie aber nicht. Das war nur der Brandbeschleuniger. Und es ist ja nicht so, als hätten nicht genug Menschen darauf hingewiesen.
Das alles führte zu einer Welle von absoluter Empathielosigkeit, zu einer Resignation in der Auseinandersetzung mit Antisemitismus und zu einer Gesamtlage, in der Jüdinnen und Juden nicht einmal mehr den 7. Oktober als Trauertag für sich beanspruchen dürfen. Nicht einmal den Jahrestag eines terroristischen Überfalls, bei dem unschuldige Männer, Frauen, Kinder, Babys bestialisch ermordet wurden. An einen Tag, an dem Frauen vergewaltigt wurden und ihnen nicht geglaubt wurde, Eltern vor den Augen ihrer Kinder getötet wurden, Geiseln genommen wurden – nicht einmal an diesem Tag kann man einzig daran erinnern und trauern. Während mancherorts der 7. Oktober dem Gazakrieg gleichgestellt wird, andere das Datum komplett ignorieren, da wird andernorts sogar noch eine „Widerstandsdemonstration“ angemeldet. Und erlaubt. Das ist ziemlich schwer auszuhalten, und ich kann mittlerweile diejenigen verstehen, die es nicht mehr aushalten. Die vielleicht einen Plan B in einem anderen Land sehen. Und mir tut das weh. Mir tut das deshalb weh, weil wir als Jüdische Gemeinschaft immer dafür gekämpft haben, dass es nicht so sein würde.
Ich habe letztes Jahr gesagt, es wäre völlig utopisch zu glauben, dass man vergessen könne, was in den letzten Jahren passiert ist. Es ist unmöglich, auszublenden was war, und es wäre auch brandgefährlich, das zu tun. Und trotzdem muss es weitergehen. Es muss immer weitergehen. Dazu gibt es keine Alternative. Aber wie? Die vergangenen zwei Jahre haben mir eins ganz klar verdeutlicht: Wir haben als Gemeinde, als Repräsentanten von Gemeinden, eine Verantwortung unseren Mitgliedern gegenüber. Wir haben eine Verantwortung dem jüdischen Leben gegenüber. Und diese Verantwortung heißt bei allem Wunsch nach Dialog, bei dem Wunsch nach Gemeinschaft eben auch: Dinge klar zu benennen.
Mir ist klar, dass sich meine Worte heute anders anhören als in den Jahren zuvor. Mein Tonfall ist anders. Dass es sich vielleicht auch wie ein kleiner Befreiungsschlag anfühlt, der mit Frustration unterlegt ist. Das ist es in Teilen auch. Aber es hat einen Kern, der mir wichtig ist. Das ist der Versuch, aufzurütteln, wachzurütteln. In Ihnen die gleiche Frustration auf diesen Status quo zu wecken. Dem Aufruf, dass wir es als jüdische Gemeinschaft nicht allein schaffen, diesen Hass zu besiegen, zu folgen. Und es steckt auch der Aufruf darin, sich noch mehr mit authentischen jüdischen Lebensrealitäten zu beschäftigen. Man muss nicht Judaistik studiert haben, man muss auch kein Historiker sein, um klare Worte zu finden. Um im eigenen Umfeld Fragen zu stellen. Um die Chiffren, die eigentlich gar keine verschlüsselten Chiffren sind, zu entschlüsseln. Bitte erinnern Sie sich: Antisemitismus ist wandelbar, aber er ist nicht originell. Und deshalb ist es auch gar nicht so schwer, ihn zu erkennen. Wir haben die Blaupause doch.
Es spielt nämlich keine Rolle, was wir Juden tun: Sind wir zu erfolgreich, dann werden wir beschuldigt, die Welt zu kontrollieren. Wenn Juden für etwas kämpfen müssen, dann werden sie verteufelt. Juden werden gehasst, weil sie reich sind und weil sie arm sind. Sie werden gehasst, weil sie einen festen Glauben an die Traditionen haben und weil sie losgelöste Weltbürger sind. Weil sie unter sich bleiben und weil sie überall sein wollen.
Bevor es den Staat Israel gab, wurden Juden verfolgt und ermordet, weil sie keinen Staat hatten. Weil sie nicht dazugehörten. Jetzt werden sie dämonisiert, weil sie einen Staat haben, den sie anderen weggenommen hätten.
Das hat alles nichts mit politischen Meinungsverschiedenheiten zu tun. Das ist ein historisch konsistentes Muster von Hass, das sich anpasst, egal, was Juden tun. Wenn man das gleiche Anklagekonstrukt gegen andere Gruppen richten würde, würde die Welt zurecht dazwischenrufen. Auf die Straße gehen. Laut werden.
Aber wenn die Anklage sich gegen Juden richtet, dann hört man leider viel zu oft: Vielleicht ist ja was dran. Also, wir wissen ja, dass die Juden Geld haben. Und wer Geld hat, hat meistens auch eine Lobby. Unter sich bleiben wollen viele irgendwie auch. Also glauben wir. Wir wissen es zwar nicht genau, denn wir kennen ja auch gar keine, aber das ist ja der Beweis dafür, dass es so ist. Und überhaupt: das hat man ja alles schon so oft gehört, da muss ja was dran sein.
Diese Form von geistiger Gymnastik und die Ablehnung einer objektiven Wahrheit zu Gunsten dieser Mythen und Verschwörungserzählungen führt zwangsläufig zu einer Rechtfertigung für das, was Jüdinnen und Juden erleben müssen. Bis heute.
Die Zurückhaltung oder der vielleicht in seiner Intension gut gemeinte Versuch „neutral“ zu bleiben, hat uns überhaupt erst in diese Lage geführt. Bleiben wir dabei, dann führt der Weg nur in eine Richtung. Und ich will wirklich der tiefen und festen Überzeugung sein, dass die Mehrheit von uns, die Mehrheit in diesem Land, das nicht möchte und auch nicht so denkt. Aber wenn die Mehrheit es wirklich nicht möchte und wenn die Mehrheit wirklich nicht so denkt, dann müssen wir es endlich zeigen. Wir müssen, wie in vielen anderen Dingen auch, aber heute geht es nun mal nicht um alles andere, endlich unsere Stimme nutzen. Hinterfragen. Auch die eigenen Denkmuster hinterfragen. Hinterfragen, was um uns herum eigentlich gerade passiert. Mit Betroffenen sprechen, ihre Gefühle verstehen und dann handeln. Eine Haltung, die wir so oft formulieren und der Wunsch nach Haltung, der entsteht doch genau daraus. Haltung entwickelt sich aus Wissen und Handlung. Sie entsteht nicht einfach so.
Wenn sie von all dem, was ich heute gesagt habe, vielleicht eine Botschaft mitnehmen möchten, dann vielleicht diese hier: Wenn das „Nie Wieder“, dass sich die Überlebenden der Shoah gegenseitig versprochen haben, nicht zu Worthülsen verkommen soll, die wir an diesen Daten gebetsmühlenartig heruntersprechen, dann ist es jetzt Zeit zu handeln. Das ist unsere Aufgabe.

Oliver Dainow ist der Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Hanau. © Michael Pasternack, Photographer
Meine Hoffnung bleibt weiterhin bestehen, dass wir im nächsten Jahr weniger aufrüttelnde Worte finden müssen. Dass wir eine positivere Bilanz ziehen können. Das mag für jemanden der heute viel von Realität gesprochen hat, vielleicht realitätsfern klingen. Aber schon der erste Ministerpräsident Israels, David Ben Gurion hat gesagt: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist“.
Seine Worte in G’ttes Ohr und von dort bitte direkt in unser aller Handeln. Das ist das Wunder, an das ich glauben möchte.
Oliver Dainow