Jüdische Perspektiven auf 2023

Der 7. Oktober stellt eine Zäsur für die jüdischen Communities in Hessen, in Deutschland und weltweit dar – nicht nur in Bezug auf die Dimension der gezielt und geplant ausgeübten Gewalt bei den Massakern, sondern auch auf das Ausmaß der Bedrohung durch Antisemitismus, die sich im besorgniserregenden Tempo hochskalierte und seitdem kaum verringerte. Dabei fungierten der 7. Oktober und die damit einhergehenden Dämonisierungen und Delegitimierungen von Israel als Katalysator für die Proliferation antisemitischer Haltungen, trafen aber ohnehin auf weitverbreitete, verfestigte, vielerorts institutionell begünstigte Ressentiments – so an Schulen und Hochschulen, aber auch in der Kulturszene. Die gesellschaftliche Resonanz, die Passivität, die Ablehnung, die Täter-Opfer-Umkehr bei der Einordnung des Geschehens hatten zudem zusätzliche verheerende Wirkung auf die Verfassung der jüdischen Community hierzulande aus. Antisemitismus gesamtgesellschaftlich und institutionell anzugehen, ist nach Jahren Versäumnis zu einer monumentalen Herausforderung geworden. Leider fehlt auch jetzt die Einsicht in das Ausmaß und die Reichweite des Problems in weiten Teilen der Gesellschaft.

Portrait Marina Chernivsky © Alex Hislop

Portrait Marina Chernivsky
© Alex Hislop

Marina Chernivsky
(Geschäftsführerin der Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung OFEK e.V.)

 

 


Der 7. Oktober 2023 ist eine Zeitenwende. Nicht nur für Israel, sondern für Juden in aller Welt. Und zwar nicht nur wegen der Dimension, der Brutalität und Grausamkeit des größten Massakers an Juden seit der Shoa. Sondern weil spätestens seit diesem Moment drei Erkenntnisse überdeutlich wurden, die man mühsam verdrängt hatte:

Erstens: der Hass auf Israel ist so unbändig wie der Hass auf die Juden. Er ist irrational, überall und mitunter tödlich.

Zweitens: die meisten Menschen machen keinen Unterschied zwischen Israelis, Zionisten und Juden. Weswegen die antisemitischen Angriffe und Übergriffe, die seit dem 7. Oktober, überall auf der Welt zu verzeichnen waren, nicht nur explodiert sind, sondern sich ebenso gegen israelische wie jüdische Einrichtungen und Personen richteten.

Und drittens: die vielbemühte Phrase des „Nie wieder“ mag als politische Selbstvergewisserung funktionieren. Zivilgesellschaftlich allerdings hat sie kein Fundament. Denn den meisten Menschen ist der neue alte Antisemitismus ziemlich egal.

Sie nutzen Israel und die Juden als Blaupause ihrer eigenen verqueren Vorurteile oder Ideologien. Weshalb sie zwar um die toten Juden trauern mögen, den lebenden Juden allerdings wenig Sympathie schenken. Ganz im Gegenteil.

Daniel Neumann © Gregor Matthias Zielke

Daniel Neumann
© Gregor Matthias Zielke

Was das für uns Juden bedeutet, ist noch nicht abzusehen. Aber eines ist sicher: unsere Existenz in Deutschland ist so unsicher wie seit langem nicht mehr.

Und mit einem Seitenblick in die Geschichte sollte das nicht nur uns Juden große Sorgen bereiten.

Daniel Neumann
(Vorsitzender Landesverband der Jüdischen  Gemeinden in Hessen K.d.ö.R.)


Der 7. Oktober 2023 bedeutet auch für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland eine Zäsur. Die präzedenzlosen Terroranschläge der Hamas in Israel hatten direkte Auswirkungen auf uns hier, auch in Frankfurt. Zum einen überflutete uns die Trauer über Opfer und Verletzte und die Sorge um Familie und Freunde, zum anderen erreichte uns unmittelbar eine neue Welle von Antisemitismus. Der bisherige Alltag in jüdischen Einrichtungen war kaum mehr möglich. Einschränkungen und erhöhte Sicherheitsmaßnahmen prägten das Bild, große Bedenken und Ängste unserer Gemeindemitglieder erforderten akute Hilfeleistungen. Während wir von politischer und kirchlicher Seite Solidarität und Unterstützung erhielten, waren das Schweigen und die Indifferenz aus anderen Kreisen lange Zeit ohrenbetäubend und dauern teilweise bis heute an. Das Relativieren der Terrorakte sowie das Ignorieren der sexualisierten Gewalt an israelischen Frauen und Mädchen, insbesondere durch Frauenrechtsorganisationen, bestürzt uns ebenso wie das ungewisse Schicksal der israelischen Geiseln, die wir nicht in Vergessenheit geraten lassen werden. Ebenso wenig werden wir es stillschweigend hinnehmen, wenn antisemitische und Terror-verherrlichende Demonstrationen durch unsere Straßen ziehen, jüdische Studierende sich in den Universitäten nicht mehr sicher fühlen, jüdische Personen angegriffen werden oder Israel-Hass ungehindert verbreitet wird. Aber vor allem wollen wir uns trotz der schwierigen Lage weder zurückziehen noch resignieren. Wir werden weiterhin, mit hoffentlich vielen zivilgesellschaftlichen Partnern gemeinsam, gegen Antisemitismus kämpfen und dem Hass nicht das Feld überlassen. Wir wissen RIAS Hessen dabei an unserer Seite und danken für all‘ ihre Arbeit, die maßgeblich dazu beiträgt, ein klares Lagebild über Antisemitismus heute zu erhalten.

(Vorstand der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main K.d.ö.R.)


In Kassel blicken wir zurück auf ein aufwühlendes Jahr 2023: Die Aufarbeitung der documenta fifteen begann; weiterhin wurden immer wieder hunderte antisemitische Flugblätter aus dem Umfeld der Querdenker-Szene in Briefkästen gefunden – und mit der antisemitischen Gewalt des 7. Oktober 2023 und der darauffolgenden Entwicklung setzte etwas ein, das nunmehr als Zäsur für jüdisches Leben begriffen werden muss.
Seitdem erreichen uns unzählige Anfragen, sowohl für Führungen in der Synagoge als auch für Workshops und Führungen im Sara Nussbaum Zentrum – dem weltlichen Ort für Jüdisches Leben in Kassel. Dieses rege Interesse bedeutet uns viel. In unserer Bildungsarbeit können wir ins Gespräch kommen und aufklären. Zugleich gestaltet es sich als personelle wie praktische Herausforderung. Wir erleben hautnah, wie überfordert Pädagoginnen und Pädagogen in der aktuellen Situation sind, wie sehr antisemitische Hetze aus dem persönlichen Umfeld oder aus sozialen Netzwerken wie TikTok bei Schülerinnen und Schülern verfängt. Teils in einem Umfang, dass uns unsere Arbeit wie ein Tropfen auf dem heißen Stein erscheint.
Viele Gemeindemitglieder sind direkt vom 7. Oktober und dem Krieg in Israel betroffen: sie haben Verwandte in Israel, um die sie sich stetig sorgen. Sowohl die Unsicherheit dort als auch die Lage für jüdisches Leben in Kassel und andernorts treibt sie um. Einige Mitglieder der Gemeinde haben Angst und trauen sich, trotz des solidarischen Wächterdienstes, nicht mehr zu den Schabbat-Gottesdiensten.
Die Lage bleibt angespannt und ich möchte es in ähnlichen Worten wie der israelische Soziologe Nathan Sznaider ausdrücken: Für Jüdinnen und Juden hat der 7. Oktober noch immer nicht aufgehört.
Antisemitismus wird immer mehr zu einer konkreten Gefahr für Leib und Leben von Jüdinnen und Juden in diesem Land. Spätestens seit der brutalen Attacke auf einen jüdischen Studenten in Berlin müssen wir dieser Realität ins Auge blicken.

Ilana Katz © Privat

Ilana Katz
© Privat

Ich würde gerne auf einer positiven Note enden, allerdings fällt dies in diesen Tagen unvergleichlich schwer. Trotz allem: Die Hoffnung auf bessere Zeiten lassen wir uns nicht nehmen.

Ilana Katz
(Gründerin des Sara Nussbaum Zentrums, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Kassel)


Als mein Vater verstarb, waren wir sehr überrascht, eine Schatulle mit je 1.000 Euro, Dollar und Schweizer Franken zu finden. Damals haben wir geschmunzelt und gedacht: „Na Papi, Du hast dem Leben hier in Deutschland wohl doch nicht getraut!“ Spätestens seit dem 7. Oktober 2023 haben wir es nun wirklich verstanden, dass so viele Mitbürger uns Juden schlicht nicht mögen, uns in Wahrheit wohl auch nie mochten, einfach nur, weil wir Juden sind. Dass wir anderen lästig sind. Unser Herz bangt um die Sicherheit Israels. Gleichzeitig haben wir in Deutschland angefangen, uns in geschützten Kreisen aufzuhalten, den Davidstern nicht zu tragen, auf der Straße kein Hebräisch zu sprechen, oder einen markanten jüdischen Namen zu verbergen. Und unseren nichtjüdischen Freunden fürchten wir, mit unseren derzeit sehr einseitigen Themen auf die Nerven zu gehen. Wir wissen inzwischen, dass uns angesichts des Antisemitismus auf der ganzen Welt keine Währung aus irgendeiner Schatulle zu einem sicheren Platz verhelfen könnte. Die einzige sichere Heimat als Jude scheint dann der jüdische Staat zu sein – wenn dieser nun sicher wäre.

Pava Raibstein © Privat

Pava Raibstein
© Privat

Ich bin für mich zu einem anderen Schluss gekommen – Hannah Arendt schrieb: Wenn man als Jude angegriffen wird, muss man als Jude kämpfen. Es ist wichtig, dass wir in allen Ländern der Welt präsent sind. Antisemitismus wird nicht durch die Abwesenheit von Juden verschwinden. Nur mit der Präsenz von Juden, der Begegnung und dem Dialog kann die Gesellschaft antisemitische Vorurteile überwinden und die Demokratie stärken. Daher ist es wichtiger denn je,  Austauschprojekte mit unseren israelischen Jugendlichen fortzusetzen.

Pava Raibstein
(Kinder- und Jugend-Aliyah e.V., Frankfurt am Main)

Foto

© Privat


In diesen schwierigen Zeiten belastet mich das gestörte Verhältnis zwischen Juden und Muslimen fast schon am meisten. Der friedliche Dialog zwischen Juden und Muslimen ist von großer Bedeutung für das gegenseitige Verständnis, die Toleranz und den Respekt. Durch den offenen Austausch von Ideen, Erfahrungen und Perspektiven können Vorurteile abgebaut und Missverständnisse geklärt werden. Ein friedlicher Dialog fördert die Zusammenarbeit, das Zusammenleben und den interreligiösen Dialog. Es ist wichtig, dass beide Seiten bereit sind, zuzuhören, zu lernen und sich gegenseitig zu respektieren, um eine harmonische und inklusive Gesellschaft in Deutschland zu schaffen.

Eugen Rom
(Shalom Marburg)


Die jüdische Gemeinschaft kämpft weiterhin gegen Vorurteile und Stereotypen, während sie sich für Vielfalt und Inklusion einsetzt.

Maryam Abdolahi
(Shalom Marburg)